wie Laokoon: Die berühmte Marmorgruppe im Vatikan ist kein Original

Als der trojanische Apollon-Priester Laokoon nach dem vorgetäuschten Abzug der Griechen von Troja, bei dem sie das trojanische Pferd zurückließen, für Poseidon, den Gott der Meere, der Pferde und des Erdbebens, ein Stier-Opfer vorbereitete, kamen vom Meer her zwei große Schlangen. Sie erwürgten Laokoon und seine zwei Söhne, dann schlängelten sie sich zur Burg hinauf und verbargen sich da unter den Füßen und dem Schild der Athena. Ihr, der trojanischen Athena, hatten die Griechen das hölzerne Pferd zurückgelassen, angeblich als Weihgeschenk. Laokoon hatte dies nicht glauben wollen; er hatte gewarnt, das Pferd in die Stadt hereinzuholen.

Diese Szene aus dem griechischen Mythos, nacherzählt von dem römischen Dichter Vergil, wurde in der Literatur und in der bildenden Kunst, so auf Vasen und Wandgemälden und auch als Skulpturengruppe, immer wieder dargestellt. Die berühmteste Darstellung ist die 1506 im Bereich von Kaiser Neros Goldenem Haus wiederentdeckte Laokoon-Gruppe, die heute im Vatikan steht.

Diese Marmor-Skulpturen-Gruppe, die die Namen der rhodesischen Bildhauer Agesandros, Athenodoros und Polydoros trägt, hat wie kaum ein zweites antikes Werk anregend auf Kunst und Kunstkritik gewirkt. Seit Lessing und seiner Schrift "Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie" (1766) und Winckelmann, der in der griechischen Kunst vor allem "edle Einfalt und stille Größe" sah, wurde sie immer wieder diskutiert.

Strittig war die Datierung. Da halfen auch die Namen der Künstler nicht weiter; denn wann Agesandros, Athenodoros und Polydoros gelebt hatten, war unbekannt. Aufgrund stilkritischer Elemente wurde die Laokoon-Gruppe meistens ins 1. vorchristliche Jahrhundert datiert, manchmal aber auch ins 1. nachchristliche. Diese Unsicherheit vergrößerte sich noch, weil viele stilistische Eigenheiten sehr viel weiter zurückweisen, nämlich in hellenistische Zeit, ins 2. vorchristliche Jahrhundert, als der Altar von Pergamon entstand, auf dem der Kampf der Götter mit den Giganten dargestellt ist.

Erst in jüngster Zeit fand dieser Widerspruch eine überraschende Lösung, und zwar durch archäologische Funde in Sperlonga in Latium, wo man 1957 beim Ausbau der Küstenstraße auf eine Villa des Kaisers Tiberius und eine künstlich ausgebaute Grotte stieß und durch Funde in Baia im Golf von Neapel. In der Tiberius-Grotte zu Sperlonga kamen Reste von überlebensgroßen Marmor-Gruppen an den Tag. Wegen einer Inschrift erregten sie weltweites Aufsehen. Die Inschrift besagte, daß die Skulpturen (oder doch zumindest eine von ihnen) von den berühmten Bildhauern der Laokoon-Gruppe stammt. Und in Baia legte der Marburger Archäologe und Kunsthistoriker Professor Dr. Bernard Andreae seit 1981 in mehreren Kampagnen einer Unterwassergrabung die Reste einer Villa frei, die einst Kaiser Claudius gehörte und die offensichtlich nach dem Vorbild der Tiberius-Villa von Sperlonga eingerichtet war, mit einer großen marmornen Skulpturen-Gruppe und mit mehreren Statuen, die Familienmitglieder des Kaisers darstellen. Diese Statuen ermöglichten erstmalig eine genaue Datierung all dieser Marmor-Skulpturen, also der von Baia, der von Sperlonga und der Laokoon-Gruppe aus dem Goldenen Haus des Nero. Andreae konnte nachweisen, daß sie alle im ersten Viertel des 1. Jahrhunderts nach Chr. entstanden sein müssen.

Andere Funde in Baia, die schon viel früher an anderer Stelle gemacht worden waren, lösten den Widerspruch zwischen der Entstehungszeit und den Stilelementen, die in hellenistische Zeit zurückweisen. Es sind Gipsabdrücke aus einer Bildhauerwerkstatt der Kaiserzeit. Sie sind der Beweis, daß diese und andere römische Marmorskulpturen nach viel älteren griechischen Originalen nachgeschlagen wurden. Die Originale – auch das ist nachweisbar – waren in Bronze gegossen.