Unerlöste Lust – Seite 1

Das 7, Jahr: Odysseus bei Kalypso.

(Zum Zentenarium des Basler Böcklin-Bildes.)

Nichts in Sicht, nichts. Dunsthitze, sonnenlose,

und Schwermut nach dem Akt – erlegen ihrem Willen,

der ihm den seinen nimmt wie durch Hypnose ...

Verdrängen wir nicht nur die Lust, zu killen.

Wenn wir – dies sein Verdacht – das Urverlangen

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in einem Menschen, der uns knechtet, stillen?

Flieh! – riet ihm sein Instinkt. Wie aber zwangen

ihn ihre Schultern, Brüste, dieser Hintern, das Riesen-

Blatt ihres breiten Zentrums, quellnaß hingehalten,

zu kompensieren seine Midlife-Krisen

und hündisch Familie, Heimat zu verraten an Gewalten,

die Eros nur verschenkt samt – Hysterie:

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Hysteron-Uterus: das gleiche Wort!

Seit sie sich ihm gespreizt, liebt sie

ihn so fanatisch, droht sie ihm mit Mord,

wen er nicht mit Gefangenschaft bezahlt.

Ihr Lachen, Gang, Gespräch, Geruch: sie wandern

durch seinen Schlaf. Ihr Blick verstrahlt

– phosphorgrün ihre Augen wie bei Panthern –

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Sarkasmus, auch die Gier nach Beute, Bett, Intrigen.

Zwei Ströme Euphrat – Tigris: ihre Flanken.

Wie machtvoll, schwer und lehmbraun liegen

sie Männern auf, die den Gedanken,

je dieser Mündung zu entkommen, kaum mehr fassen.

Ach, die Neurosen-Züchterin: prämenstruell entnervt,

panisch besorgt, er könne sie verlassen,

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hat Nesttrieb noch die Sucht nach ihm verschärft...

Furchtbar wird Schönheit dem, der ihr verfällt.

Wie lehrt sie den, sich selbst zu hassen,

der ihr entfliehen will. Doch den sie hält.

In Richard Hamanns/Jost Hermands Beschreibung des künstlerischen Pandämoniums der "Stilkunst um 1900" heißt es: "Aus dem deutschen Sektor der Leitbilder sei lediglich Böcklin erwähnt, dessen allegorisch-symbolische Fabelwesen sich in den späten neunziger Jahren einer geradezu phantastisch anmutenden Beliebtheit erfreuten."

Kein Wunder, denn die meist mythologischen oder mythisierten Gestalten Böcklins sind nichts anderes als in die Malerei verirrte Patienten Professor Sigmund Freuds – und das Publikum hat sie als solche und als Emanationen seinesgleichen wiedererkannt. Böcklins Malerei ist die Übersetzung der sexuellen Zwangsneurose ins Allegorische. Wie der unterdrückte Wahn sich der Wirklichkeit verschließt, so haben diese ölfarbenen Figuren jede Beziehung zur Wirklichkeit abgebrochen, um dermaßen überdeutlich als Symbol pathologischer Triebstrukturen figurieren zu können.

Rolf Hochhuth, der Maigret der deutschen Literatur, durchschaut den Schwulst des ihm zum Gedicht-Thema gewordenen Gemäldes. Seine dichterische Interpretation legt – wie Fälschungen unter UV-Licht sich zu erkennen geben – die psycho-pathologische Intention des "Kunstwerkes" frei und zur Ansicht dar. Unter dem Schein Firnis der Kultur lag die Bestialität in Berelitschaft.

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Aber dennoch: Über die Montage von Termini technici und anachronistischer Verbalität hinaus gewinnt das Gedicht mit seinen Schlußzeilen ein Gewicht, das nicht vermutbar war und das ihm seinen satirischen Zug nimmt. Unerwartet wird der Ton ernst, der Duktus verändert sich, und durch die Maskerade schimmert etwas wie erlittene Wahrheit.

Günter Kunert

Rolf Hochhuth (geboren 1931) lebt seit 1963 als freier Schriftsteller in Basel und Wien. Seine Stücke und Bücher behandeln vor allem Situationen und Verhaltensweisen während des Nationalsozialismus ("Der Stellvertreter", 1963, "Soldaten", 1970, "Die Berliner Antigone", 1975, "Eine Liebe in Deutschland", 1978, "Juristen", 1979)