Entsetzliche Predigten" seien die des Kardinalprimas Glemp – so urteilte aus bequemer Distanz Kultura, die Pariser Zeitschrift der polnischen Emigration, und behauptete, es gebe einen geheimen Kuhhandel zwischen Kirche und Partei, um die Papstreise nach Polen zu ermöglichen. Kommentare und Berichte ähnlicher Tendenz wurden bis vor einiger Zeit immer wieder auch vom amerikanischen Sender Radio Free Europe verbreitet. Als dann aber Kardinal Glemp in Rom wiederum Realismus predigte und vor Protestaktionen warnte, verzichtete Free Europe auf jede Polemik über seine Wellen. Warum?

Jahrzehntelang hatte in der polnischen Abteilung des Senders die – fast allzu pedantische – Regel geherrscht, niemals auch nur ein kritisch-analytisches Wort über Polens Kirche und ihren Primas zu äußern. Jetzt regiert bei Radio Free Europe Zdislaw Najder, ein gebildeter Literat, kein Politiker. Er kann sich darauf berufen, daß er unlängst noch in Polen lebte. Wirksam ist auch das Konzept der Reagan-Politik, "den" Kommunismus wo und wie immer zu bekämpfen, ohne viel Rücksicht auf Menschen, die mit Kommunisten leben müssen. So hatte der Sender die Differenzen, die bei der gespannten Lage Polens auch in Kirchenführung und Klerus entstehen, agitatorisch übertrieben dargestellt. In einer Art Kettenreaktion wurde eine Stimmung erzeugt, die dann wiederum als Beweis der Behauptung dienen konnte, daß Primas Glemps Vertrauensbasis im Lande bedroht sei.

Inzwischen scheint Najder seinen Irrtum erkannt zu haben. Vorhaltungen mancher seiner Mitarbeiter trugen dazu bei, vor allem aber – seine Romreise, Obschon selbst kein Katholik, hat Najder vatikanische Winke zur Mäßigung verstanden. Was einer Radiostation, die in München als Gast arbeitet, ohnehin nicht schaden kann.

Hansjakob Stehle (Rom)