Die Bürger wundern sich über die Aufregung im Westen

Von Marlies Menge

Was das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war, sei nun der Herztod eines Transitreisenden in Drewitz, sagte ein Ostberliner Bekannter, ein willkommener Anlaß nämlich, um loszuschlagen. Da war kaum einer in der DDR, der nicht Verständnis für Honeckers Absage gehabt hätte. Es sei ihm gar nichts anderes übrig geblieben, als auf seine Reise in die Bundesrepublik zu verzichten. Niemand freute sich über seine Absage; in der DDR werden die neuen Belastungen im deutsch-deutschen Verhältnis viel schmerzlicher registriert als der uns. Aber unserer sieht man die Schuld auf der anderen, auf unserer Seite.

Als erste Anti-DDR-Wellen nach dem Tod des Transitreisenden Burkert hochschlugen, warnte Günter Gaus, ehemaliger Leiter der Ständigen Vertretung in der DDR, auf der Westberliner Friedenskonferenz der Schriftsteller vor einer "irrationalen Hysterie", weil dadurch eine "Geneigtheit zu gewalttätigen Auseinandersetzungen" geschaffen werde. Nach dem Tod eines zweiten DDR-Reisenden während einer "Belehrung" war die Hysterie kaum noch aufzuhalten.

Die Unglücksfälle an der Grenze trafen die Westdeutschen an einer empfindlichen Stelle. Selbst entspannungsfreundliche DDR-Reisende befällt beim Überqueren der Grenze von einem deutschen Staat zum anderen Unbehagen, wenn nicht Angst. Die Grenzbefestigungen wie Stacheldraht und Mauer, die vielen Stopp-Schilder schüchtern ein, demonstrieren unverhohlen Macht. Die Grenzbeamten verkörpern diese Macht. Die wenigsten westdeutschen Reisenden verhalten sich ihnen gegenüber unbefangen. Die Palette reicht von liebedienerischer Anbiederei bis zu trotziger Aufsässigkeit.

DDR-Freunde können nicht verstehen, daß so viele westdeutsche Transitreisende gegen die Vorschriften verstoßen. Jeder müsse doch wissen, wie pingelig die DDR in diesem Punkte sei, und auf den Transitwegen gelte nun mal DDR-Recht. Sie halten es für undenkbar, daß Rudolf Burkert tätlich verletzt wurde; die Grenzbeamten hätten das schon deshalb nicht getan, weil sie sich doch hätten denken können, daß er, im Westen angekommen, sofort Alarm geschlagen hätte und ein großes Spektakel folgen würde, Sie hätten ja wohl nicht von vornherein vorgehabt, ihn zu töten. Für ausgeschlossen halten sie eine unkorrekte Behandlung des Reisenden in Wartha, so kurz nach dem anderen Debakel.

Und geradezu kindlich mutet sie die Meinung vieler westlicher Reisender an, es würde immer von eben bestimmt, wann ein Grenzbeamter zu den Einreisenden freundlich zu sein habe und wann nicht. Als wenn Honecker jeden Montag in Drewitz anruft und sagt: "Die ersten drei Tage piesackt ihr die Leute, den Rest der Woche dürft ihr lächeln."