Von Christian Graf von Krockow

Die Verhältnisse, man weiß es, sind nicht, wie sie sein sollten. Es gibt Armut und Arbeitslose, Habgier und Herrschsucht, Krebs- und Kriegsgefahr, das Unrecht der Ungleichheit wie den Übermut der Ämter. Also muß man die Verhältnisse ändern.

Aber wie? Die Frage läßt sich – im Prinzip – leicht beantworten. Zunächst muß man herausfinden, wer für die Mißstände verantwortlich, wer schuldig ist. Irgendwer muß es ja sein. Denn da die Menschen von Haus aus so gut sind wie alles Ursprüngliche, muß jemand sie in die mißliche Lage erst hineingetrieben haben, in der sie sich heute befinden. Als Hilfsprinzip kann das kriminalistische dienen: Cui bono? Wer hat ein Motiv? Mit dieser Wünschelrute lassen die Quellen des Übels sich zielsicher aufspüren: der Kommunismus oder der Kapitalismus, Russen und Amerikaner, die Juden, die Intellektuellen, Gastarbeiter, die multinationalen Konzerne.

Der zweite Schritt erfordert Entschlossenheit und Stärke: Das Übel muß nicht bloß beschnitten, sondern mit der Wurzel ausgerissen werden, damit es nicht wiederkehren kann. Und die Schuldigen müssen bestraft, zum mindesten bekehrt werden. Falls sie sich nicht bekehren lassen, müssen sie beseitigt werden. Das allerdings ist Schmutzarbeit. Aber, mit Lenin zu reden: Wer nicht fähig ist, mit dem Bauch durch den Schmutz zu kriechen, ist kein Revolutionär, sondern ein Schwätzer. Und wer wollte, dürfte zurückstehen, wenn es ums Menschheitsheil schlechthin geht?

Nach dem zweiten, negativen Schritt gelingt der dritte, positive wie von selbst. Es handelt sich ja bloß noch um die idyllische Aufgabe des guten Hirten oder des Gärtners: Man muß die Unschuldslämmer, die Saaten hegen und pflegen, bis sie herangewachsen sind; dabei muß man sie schützen vor den Wölfen und den Giften, die vielleicht noch irgendwo lauern.

Das Schema kennt viele Varianten. Beispielhaft hat es der Philosoph Johann Gottlieb Fichte dargestellt, als er die Weltgeschichte in fünf Epochen oder "Stände" einteilte. Am Anfang war der "Stand der Unschuld des Menschengeschlechts". Es folgte der "Stand der anhebenden Sünde", der dann zum "Stand der vollendeten Sündhaftigkeit" führte. Das ist, versteht sich, die Gegenwart. Doch zugleich tritt die Wende ein. Über die "anhebende Rechtfertigung" gelangen wir in den "Stand der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung".

Eine gewisse Schwierigkeit ergibt sich freilich daraus, daß verschiedene Leute verschieden urteilen. Den einen erscheint der Abfall von Gott als die Quelle allen Übels, die anderen sprechen vom "Opium für das Volk" und erheben den Atheismus zur Weltanschauung. Was soll man da tun? Kompromisse schließen? Gewiß, der alte Fontane pflegte zu sagen: "Meine Herren, es hat zu allen Zeiten Völker gegeben, die an einen Gott glauben, und es hat zu allen Zeiten Völker gegeben, die an keinen Gott glauben. Meine Herren, die Wahrheit wird wie immer in der Mitte liegen."