Warum haben Tiere keine Räder? Warum überließ die Evolution die Erfindung des Rades dem Menschen?

Jared Diamond, ein amerikanischer Physiologie-Professor aus Los Angeles, veröffentlichte Mitte April in der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature einige hübsche Erklärungen, warum Landtiere auf etwas umständlichen Beinen herumstaksen und Fische keinen Propeller am Schwanz haben.

Wer nun meint, die Antwort sei einfach, weil Blutgefäße und Nervenzellen ja verdreht würden, wenn sie mit einem rotierenden Körperteil verbunden wären, der hat nur zum Teil recht. Denn manche Lebewesen haben dieses Problem längst umrundet, wie Diamond nachweist. So verfügen einige Bakterien über winzige Härchen, Flagellen genannt, die sich drehen und den Mikroben beim Schwimmen helfen. Die Flagellen können sich in ihren Gelenken für alle Zeiten drehen, einer Achse im Achslager gleich. Denn sie benötigen keine Nerven (Nerven sind selbst vollständige Zellen, die nur bei höherentwickelten Tieren vorkommen). Immerhin brauchen sie Nährstoffe – und diese saugen sie aus dem Bakterienkörper nach dem gleichen Prinzip, nach dem trockene Schwämme Wasser aufnehmen.

Bei größeren Tieren muß die Saugmethode jedoch versagen, denn mit ihr würden die Muskeln eines natürlichen Rades die benötigte Energie nicht schnell genug zugeführt bekommen.

Freilich: Die Bio-Räder brauchten keine Muskeln. Fahrrad-Räder, Rollschuhräder und nicht angetriebene Autoräder laufen ja auch frei. Dazu kommt, daß Hörner und Haare, Schuppen, Nägel und Klauen, die Schalen der Insekten, Weichtiere und Krebse alle ohne Blutzufuhr oder Nerven auskommen. Und eine Katze kann zum Beispiel und Krallen einziehen, wenn diese nicht gebraucht werden.

Wäre deshalb nicht etwa eine Ratte denkbar, die auf einziehbaren Rollschuhen aus hornartigem Material dahinsaust? Die Muskeln befänden sich in den Beinen und die Ratte würde die Rollschuhe nur im Freilauf benutzen, um Energie zu sparen.

Räder sparen in der Tat Energie ein. Die wirtschaftlichste Fortbewegungsart überhaupt ist, wenn es um den Energieeinsatz pro Gramm Gewicht pro Transportkilometer geht, das Fahrradfahren (siehe Tabelle). Radfahren verbraucht fünfmal weniger Energie als Gehen. Selbst ein Gelähmter im Rollstuhl bewegt sich 25 Prozent energieeffizienter vorwärts als ein Fußgänger. Eine laufende Maus ist sogar dreihundertmal weniger effizient als ein Mensch auf dem Fahrrad. So gesehen müßte eine Ratte auf Rollschuhen der Wunschtraum der Evolution in Sachen sparsamer Fortbewegung sein.