Das Problem liegt – sehen Sie’s schon? – woanders: Die Natur verfügt über keine festen Straßen. Die Wildnis ist gewöhnlich eher holprig. Ein gutes Rad muß mindestens so groß wie die Unebenheiten sein. Außerdem kann die Wildnis aus einem ziemlich weichen Untergrund bestehen. Wer jemals mit dem Fahrrad durch Sand gefahren ist, der weiß, daß ein breites Rad hier eher weiterhilft. Doch nun verfügt unsere rollende Ratte über ziemlich große Räder und gleicht damit einem dune buggy für Sandstrände. Sie würde gewiß Schwierigkeiten haben, solche Fahrgestelle einzuziehen, wenn sie einmal durch wirklich dichtes Gestrüpp rennen müßte.

Dort freilich, wo es nützlich ist, hat das Leben das Rad erfunden: Ein amerikanisches Steppenkraut (tumbleweed) rollt bei starkem Wind über flache Prärien, Mistkäfer rollen ihre Mistbälle und der javanische Pangolin, ein Schuppentier, über sich Hänge hinab, wenn er Feinden entkommen will. Ratten dagegen entwickelten keine Räder, sich sie ihnen nichts nützen – und nicht etwa, weil die Evolution nicht erfinderisch genug war (zumindest ist dies Diamonds These).

Selbst Menschen gaben das Rad wieder auf, behauptet Diamond, wenn ihnen der Verzicht nutzte. So verfügten islamische Kulturen vor 1500 Jahren über das Rad, benutzten es jedoch nach der Erfindung des nordarabischen Kamelsattels nicht mehr zu Transportzwecken. Denn beim Transport schwerer Lasten über sandiges Gelände war der Sattel dem von Ochsen oder anderen Tieren gezogenen Karren überlegen.

Noch einfacher ist die Antwort auf die Frage, warum Fische keine Propeller haben. Die besten Schiffsschrauben haben einen Wirkungsgrad von 60 Prozent. Eine wellenartig schwingende Flosse oder Folie dagegen kann, Diamond zufolge, 96 bis 98 Prozent der für die Schwingungen aufgewendeten Energie in Vorwärtsbewegung umsetzen – eine Effizienz, die große Fische und Wale ziemlich genau erreichen. "Das wahre Rätsel lautet nicht, warum Fische versäumt haben, Propeller zu entwickeln", meint Diamond, "sondern warum Ingenieure nicht auf die Idee kamen, schwingende, flexible Flossen zu bauen."

Robert Walgard