In Thailands Flüchtlingslagern herrscht das Prinzip der "humanen Abschreckung"

Von Cheryl Benard und Edit Schlaffer

Die Thailänder haben diese Flüchtlinge eingekesselt. Sie hassen sie, vor allem die Vietnamesen, und jetzt haben sie sie dort, wo sie sie gerne habe möchten. Diese armen Leute können weder nach vorne noch zurück; sie können nur darauf warten, daß es wieder Bomben hagelt", meint ein westlicher Diplomat. "Eigentlich sollten wir gar nicht hier sein", beschwert sich das Rote Kreuz. "Das ist eine Flüchtlingssituation, und wir sind eine Kriseneinsatzgruppe. Aber der UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) geht nicht in die Lager an der Grenze. Und vor allem setzt er nicht durch, daß die Flüchtlinge wenigstens ein paar Kilometer weiter ins Land dürfen, weg, von dem Kampfgebiet der Grenze. Bei der Personendichte in den Lagern genügt schon ein einziger Treffer, um verheerende Verluste zu verursachen. Na ja, dann sind wir wenigstens wieder bei unserer eigentlichen Aufgabe", sagt der engagierte junge Schweizer verärgert.

Wir sind im heißen, schmutzigen, kosmopolitischen Touristenparadies Bangkok und überlegen uns, ob das alles plausibel ist. Hunderttausende Flüchtlinge, aber der UNHCR kümmert sich nicht um sie, sondern bleibt in Bangkok im Büro sitzen? Flüchtlinge, die hinter Stacheldraht in einem Kriegsgebiet festgehalten werden? Internationale Organisationen, die Außenstehenden gegenüber nicht sprechen wollen, um die Thailänder nicht zu noch größerer Härte gegenüber den Flüchtlingen zu provozieren? Gerüchte gibt es genug, aber man trifft kaum auf jemanden, der tatsächlich in den Lagern gewesen ist.

Es ist nicht einfach, in die Lager zu kommen. General Rien im Supreme Command erlaubt es schließlich, weil wir als Sozialwissenschaftlerinnen, nicht als Journalistinnen kommen. Ein Adjutant soll uns begleiten. Im Hauptquartier von Aranya Prathet treffen wir zunächst auf die Sondertruppe für Flüchtlinge und Grenzstreifen. Sie tragen schwarze Hemden und schwarze Kampfhosen, ein locker gebundenes schwarzes Pfadfindertuch, schwarze Stiefel, ein schwarzes Barett. Sie sind aggressiv. Ihretwegen hatte der Adjutant uns noch in Bangkok angewiesen, uns "möglichst häßlich" anzuziehen – "vielleicht ganz weite Hosen und ein Männerhemd". Thailand nämlich, berichtet er stolz, war in bezug auf dieses Krisengebiet auf eine grandiose Idee gekommen. Man rekrutierte junge Männer aus den Kriminellenkreisen Bangkoks, bildete sie drei Monate lang aus, gab ihnen ein Gewehr, eine schwarze Eliteuniform und 40 Baht Gehalt pro Tag (fünf Mark). "Die sind kaum im Zaum zu halten", schwärmt der Adjutant.

Schon jetzt gibt es Todesfälle. Flüchtlinge treten auf Minen. Versuchen sie aus dem Lager hinaus- oder in das Lager hineinzugelangen, werden sie von der Miliz erschossen. Sie sterben auch an Zerebralmalaria. Tödlicher als Minen und Krankheiten ist die Verzweiflung. Die Hoffnung wird trüber mit jedem Tag, der verstreicht, mit jeder Ablehnung. "Wir können nicht einmal die Zeit totschlagen", sagt ein 35jähriger Techniker, seit einem Jahr im Lager. "Wenn es so weitergeht, schlägt die Zeit uns tot." Fragen nach den Rationen, nach der Behandlung durch die Miliz will er nicht beantworten; "Es macht nichts, daß wir schlecht behandelt werden. Es macht nichts, daß wir wenig zu essen bekommen. Wenn es nur hieße: noch ein Jahr. Noch zwei Jahre. Dann könnten wir es ertragen. Aber nichts zu wissen, das ertragen wir nicht."

Wachtürme und Milizionäre