Von Ernst Hess

Beide lagen unbeweglich in der Mittagssonne: der betagte Chevrolet und der kleine Gecko, jeder ein Fossil auf seine Art. Für den barocken Amerikaner mochte es der dreißigste Sommer auf Zypern sein, kaum Rost, aber auch keine Räder mehr. Unter der Vorderachse döste die graubraune Echse, vielleicht drei Jahre jung und müde von der Jagd nach allerlei Ungeziefer. Ab und zu blinzelte sie mürrisch in das grelle Licht, während Georgios Kastanidis uns gestenreich den Weg nach Delikipo beschrieb. Nein, asphaltiert sei die Straße nicht, aber man könne gut zehn Meilen abkürzen. "Sie haben doch einen Leihwagen, was kümmern Sie da die Schlaglöcher?"

Später, als wir mit der Ölwanne auf einem mittleren Felsen festsaßen und gerade den zweiten Ersatzreifen montiert hatten, kamen uns erste Zweifel. Gewiß, auf der Karte war deutlich eine schwarze Linie zwischen den beiden Dörfern eingezeichnet. Und Georgios, der Tankwart aus Lefkara, hatte alle Bedenken mit einer abwertenden Handbewegung ins Reich der Fabel verwiesen. Andererseits, der braune Sturzbach in der nächsten Kurve war keine Fata Morgana, sondern nasse Wirklichkeit. Papier ist eben geduldig, Kartenpapier – dazu noch zypriotisches – erst recht. Mitten in den Bergen wurde uns bewußt, welchen Versuchungen ein patriotischer Zeichner von Straßenkarten ausgesetzt ist.

Am späten Nachmittag erreichten wir Lythrodhondas, das heißt, der Morris humpelte auf verbogenen Felgen und schlammverkrustet über die gepflasterte Dorfstraße. Beifälliges Gemurmel der Dominospieler in Dimis Kafenion belohnte uns für den vierstündigen Husarenritt, es gab reichlich Kaffee und Ouzo, den wir natürlich nicht bezahlen durften. Als sich dann herumsprach, daß zwei Deutsche den Morris durch Schlamm und Schlaglöcher chauffiert hatten, nahm die Gastfreundschaft beängstigende Formen an. Von Pauschaltourismus hatte man in Lythrodhondas ganz offensichtlich noch nie etwas gehört.

Es ist auch nicht zu befürchten, daß die Dörfer im Innern Zyperns jemals Gnade in den Augen deutscher Reiseveranstalter finden werden; Dafür sind die Häuser zu armselig, die Kirchen oft zu kitschig und die Landschaft zu rauh. Es fehlen die weißen Glockentürme von Santorin, die byzantinischen Herrlichkeiten der Athos-Klöster oder die faszinierende Architektur ägäischer Dörfer. An der Küste spürt man dafür den Atem der Geschichte um so mehr, haben die Baumeister der Lusignan-Könige, der Johanniter und Venezianer Bewundernswertes geschaffen. Für die Wein- und Ölbauern, die Bergleute im waldigen Troodos-Gebirge und die Hirten von Episkopi genügte wohl ein Dach über dem Kopf – solide, aber schmucklos.

Gegen diesen Ruf haben auch die Frauen auf Aphrodites Insel zu kämpfen. Zumindest in den Dorfern begraben sie ihre Körper schon früh in jenen schwarzen Kleidern, die ihre Trägerinnen zu alterslosen Krähen degradieren. Irgendwann stirbt immer jemand aus der großen Familie und schon werden die bunten Röcke eingemottet. Seit den Tagen der Venezianer hat sich da nicht viel geändert, auch wenn Jeans und T-Shirt in Nikosia, Limassol oder Paphos feste Brückenköpfe erobern konnten. So sind die Versuchungen der Klosterbrüder vielleicht doch nicht so unwiderstehlich, wie Abt Efgenios von Kykko seufzend behauptet. Gewiß, manchmal steigen auch leichtgeschürzte Touristinnen aus dem Bus, lassen Umsatz und Blutdruck der Mönche kurzfristig in die Höhe schnellen. Meist aber beten fromme Pilgerinnen zur Ikone Unserer Lieben Frau, das Kopftuch tief in die Stirn gezogen.

Überall in Zypern findet man die öden Korridore und Zellen einstmals mächtiger Klöster, gefüllt von kaum einem Dutzend Mönchen. Auch in Ayios Neophytos stemmt sich eine jener zusammengeschrumpften Bruderschaften gegen den gottlosen Zeitgeist, gewährt dem Wanderer kostenloses Quartier und hofft auf eine Renaissance der klösterlichen Ideale. An Festtagen füllt sich der heilige Berg mit Familien, die in ihren Autos aus den Städten heraufkommen, Ikonen küssen, Kebab braten und riesige Picknick-Körbe auspacken. "Wir sind jetzt achthundert Jahre hier und vieles hat sich verändert", sagt der Abt. "Warum sollen sich die Klosterzellen nicht eines Tages wieder mit jungen Menschen füllen?"