Das Poetische ist gerade das Gefährliche ... Es gibt keinen unumstrittenen Autor, den Sie ehren möchten. Es bleibt ein Risiko, einen Lebenden zu ehren.

Heinrich Böll am vergangene Freitag, als ihm die Stadt Köln nach längeren parteipolitischen Querelen die Ehrenbürgerurkunde übergab.

Verschlinge auch, Flamme...

Mit diesen Goebbels-inspirierten Gift-Worten warfen braune Barbaren am 10. Mai 1933 die "Schriften" von Sigmund Freud und Tucholsky, Thomas Mann und Erich Kästner, Karl Marx und Magnus Hirschfeld ins Feuer. Zwei Akademien erinnern an das schmähliche Geschehen: Die Freie Akademie der Künste in Hamburg, deren Präsident Armin Sandig sich nicht nur Vorträge und Podiumsdiskussionen einfallen ließ, sondern auch die noble Geste, eine Ausstellung des Nachlasses von Alfred Kantorowicz zu eröffnen – des Mannes, der im Pariser Exil die "Bibliothek der verbrannten Bücher" organisierte und dessen gesamte Lebensleistung auf unvergeßliche Weise der Literatur des deutschen Exils galt. Über das Thema Literatur hinaus greift der Veranstaltungszyklus der Berliner Akademie der Künste, die neben Lesungen, szenischen Darbietungen und einer Zeitrevue "Vom Romanischen Café zum Größenwahn" auch üppiges Ausstellungsmaterial bietet: zu Theater, Kunstpolitik oder Architektur und Stadtraum. Die Berliner Initiative – bis zu einem ungewöhnlichen Begleitprogramm mit Filmen über Arno Breker oder Thorak oder von Leni Riefenstahl – ist insgesamt getragen von erstklassigen Autoren und Interpreten und damit eine würdige Form der Wiedergutmachung, denkt man an das schändliche Gleichschalten der berühmten Preußischen Akademie 1933.

Tod eines Photographen

Er kam aus der Armut in Lodz – und als er, 1919, in Deutschland ankam, war das ein armes Land. Er ging nach Palästina, 1924, da war das ein Stück Wüste, umkämpft – und als er malariakrank wieder in Deutschland landete, 1929, war das wieder ein armes Land. Er blieb, als es noch ärmer und kränker wurde – und ab 1933 gehörte er zu den Verfemten und Gehetzten. Er war zwar schon namhafter Photograph – aber seine nichtjüdische, russische Frau mußte ihn Woche für Woche aus den Händen der Greifer retten: Abraham Pisarek, einer der bedeutendsten deutschen Theaterphotographen, ohne dessen Archiv man sich die Theatergeschichte des Nachkriegs-Berlin nicht veranschaulichen könnte: Gründgens als Mephisto und die Weigel als Mutter Courage, Ernst Busch als Azdak und Eduard von Winterstein wie Ernst Deutsch als Nathan; als Brecht zurückkehrte und als Thomas Mann Weimar besuchte, begrüßt von Johannes R. Becher: "Photo Abraham Pisarek" stand allemal unter den Aufnahmen. Er starb am 24. April mit 81 Jahren in Berlin – und bevor sich die kleine Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof im Grunewald die Käppchen aufsetzte und das letzte Kaddish gesprochen war, hatte seine Tochter Ruth in einer Geste verlorener Trauer die Summe seines Lebens gegeben: Sie holte aus einer Mappe jenen kleinen Stoffetzen, der "Der gelbe Stern" hieß, hielt ihn an ihr Kleid und sagte: "Der ist echt."

Preis-Muffel