Gelsenkirchen

Was wäre, möchte der 16jährige Bernd von seinem türkischen Freund Nun wissen, wenn Nuris Schwester Ayshe einen deutschen Freund hätte? "Das geht nicht." – wissen, denn nicht?" – "Wegen Tradition." – "Aber der Mehmet, der hat doch auch ’ne deutsche Freundin!" – "Ja, Mehmet ist ein Mann, ein Mann ist unabhängig. Ayshe ist ein Mädchen und gehört unserer Familie."

Wortlos lauschen die Frauen mit den Kopftüchern und ihren kleinen Kindern auf dem Schoß diesem Dialog: Eine Szene des Theaterstücks "Ab in den Orient-Express", mit dem das Jugendtheater des Westfälischen Landestheaters (WLT) in Castrop-Rauxel seit Ende April auf Tournee quer durchs Ruhrgebiet geht. Vor der Premiere wollten die Theaterleute testen, wie das Stück, beim Publikum ankommt. Hier, im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, einem Jugendzentrum in Gelsenkirchen-Hassel, spielen sie einige Schlüsselszenen vor türkischen Frauen aus der Umgebung. Doch die schweigen. Wahrscheinlich, meint ein türkischer Darsteller, würden sie auch zu Hause nicht darüber reden – "Tradition". "Wie ein Käfig stülpt sich", singt Türkin Ayshe auf der Bühne, "mit ganz enggesetzten Stangen über mich die Tradition, gibt mir Halt, hält mich gefangen." "Ab in den Orient-Express", ein Theaterstück gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit, richtet sich in erster Linie an Jugendliche ab 13 Jahren. Ihnen möchten die Autoren – der Schriftsteller Harry Böseke und WLT-Dramaturg Martin Burkert – türkische Lebensweise und Tradition nahebringen. Die Botschaft des Stücks lautet: Nicht vollständige Assimilation der Türken kann das Integrationsziel sein, sondern ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen. "Wir wollen nicht aus Türken bessere Deutsche machen", sagt Harry Böseke

Als Beweis, daß ein friedvolles Miteinander möglich ist, dient im Spiel "Oma Juskowiak", die Anfang des Jahrhunderts aus Polen ins Revier kam. "Man schimpfte uns Polacken", sagt sie, "doch die Jahre haben’s geschafft, ich werd’ nicht mehr schlecht behandelt: Aus leidvoller eigener Erfahrung bemüht sie sich um ein gutes Verhältnis zu den Türken in ihrer Nachbarschaft. Den Wandspruch "Weg mit den Ausländern" pinselt sie um in: "Gemeinsamer Weg mit den Ausländern".

Handlungsgerüst des Theaterstücks ist die Freundschaft zwischen Bernd und Nuri. Bernd, der Nuris Klagen über die wachsende Ausländerfeindlichkeit für übertrieben hält, will, die Probe aufs Exempel machen. Er verkleidet sich – mit Schnauzbart und Fes – als "Süleyman" und verpflichtet sich, vier Aufgaben zu lösen: Er will vor einer "Respektsperson" als Türke bestehen, er muß bei einem Amt vorstellig werden, er soll ein deutsches Mädchen "anmachen" – und er hat eine Arbeitsstelle zu finden.

Am eigenen Leib erfährt Bernd, was es heißt, in der Bundesrepublik als Türke zu leben – er wird zusammengeschlagen. Bernd muß sein ursprüngliches Urteil über den Ausländerhaß revidieren.

In endlosen Diskussionen zwischen den Autoren wowie den linkischen und deutschen Darstellern nahm "Ab in den Orient-Express" Szene für Szene Gestalt an. Strittig war dabei insbesondere der Schluß. Bernd hat sich in Nuris Schwester Ayshe verliebt. Doch zu einer Freundschaft kommt es nicht, weil Ayshe sich nicht gegen ihre Familie stellen will. Dennoch ist, wegen eines einmaligen Treffens, die "Familienehre" getroffen. Vater, Bruder und Onkel sitzen über Ayshe zu Gericht.