Von Wolfgang Hoffmann

Forschungsminister Heinz Riesenhuber, die deutsche Nuklearindustrie, aber auch die Stromwirtschaft haben sich eine weltweite Blamage erspart. Nach mehr als zweijährigem Tauziehen zwischen dem Bonner Forschungsministerium und der Wirtschaft ist nun endgültig entschieden worden: Die Atommeiler der Zukunft werden weitergebaut – nahezu um jeden Preis.

Der Kabinettsbeschluß, den Schnellen Brüter in Kalkar und den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen zu Ende zu bauen, kam freilich nicht mehr überraschend; eine andere Entscheidung war kaum noch möglich. Minister Heinz Riesenhuber hatte sich selbst früh festgelegt, die beiden Reaktoren zum Erfolg zu führen. Er hatte überdies mehrere hundert Millionen Mark auf Verdacht zu einem Zeitpunkt für den Weiterbau freigegeben, als der Weiterbau noch nicht gesichert war. Hätte Riesenhuber jetzt für Abbruch plädiert, er hätte nur sich selbst bloßgestellt.

Aber auch die Industrie mochte nicht mehr zurück. Hätte sie das Handtuch geworfen und die geforderte finanzielle Mitverantwortung abgelehnt, hätte auch Riesenhuber zum Abbruch blasen müssen. Vor aller Welt hätte die deutsche Energie-Industrie wirtschaftliche und technologische Unfähigkeit dokumentiert. Die Signalwirkung im Ausland hätte fatale Folgen für den Export haben können. Aber auch die Elektrizitätswirtschaft, allen voran das mächtige RWE in Essen, konnte sich nicht länger verweigern, mehr Geld als geplant zu investieren. Schließlich behauptet sie seit Jahr und Tag, die billige Kernenergie sei unverzichtbar, sowohl die mit dem Stand der Technik von heute, erst recht aber die mit der fortgeschrittenen Technologie von morgen. So kam es zum Kompromiß: Staat und Wirtschaft tragen die noch verbliebenen finanziellen Restrisiken für beide Reaktoren zu beinahe gleichen Teilen.

Die Nachricht aus Bonn bewirkte auf den Baustellen in Kalkar und Schmehausen ein Aufatmen. Rund zehntausend zum Teil hochqualifizierter Arbeitsplätze sind für die Dauer von zwei Jahren in Schmehausen und von etwa fünf Jahren in Kalkar gesichert. In Kalkar wird der Schnelle Brüter gebaut, Prototyp einer Technologie, die dem Traum vom perpetuum mobile recht nahekommt. Der Reaktor hat nämlich die Eigenschaft, mit dem Brennstoff für seinen Betrieb neuen zusätzlichen Brennstoff zu produzieren. Anders ausgedrückt: Mit dem Spaltmaterial eines herkömmlichen Reaktors erbrütet der Schnelle Brüter Brennmaterial für sechzig weitere Reaktoren. Ungeachtet aller noch ungelösten Probleme, die sich vor allem auf Grund des entstehenden hochtoxischen Plutoniums (Plutonium ist spaltbares Material für Atombomben) stellen, sind Physiker wie Energiewirtschaftler von dieser Technologie gleichermaßen fasziniert, löst sie doch weitgehend das Problem der Abhängigkeit von Energieimporten.

Der Hochtemperaturreaktor in Schmehausen ist gleichfalls ein Prototyp neuartiger Technologie. Sein Vorzug liegt dann, daß er nicht nur Strom produziert, sondern auch hohe Temperaturen, wichtig als Prozeß wärme in der Industrie.

Vor dem Hintergrund der ungesicherten Energieversorgung und der Energiekrisen der siebziger Jahre sind die Ende der sechziger Jahre getroffenen Entscheidungen, beide Reaktoren zu bauen, also durchaus verständlich.