Der Entwicklungschef Karlheinz Radermacher verläßt den bayerischen Autohersteller

Die am vergangenen Wochenende nach München gereisten Mitglieder des Motor Presse Clubs rechneten es Karlheinz Radermacher hoch an, daß er zu ihrer von der Bayerischen Motoren Werke AG betreuten Jahreshauptversammlung als Gast kam, als wäre nichts geschehen. Denn Radermacher war das Hauptthema aller Gespräche. Ausgerechnet einen Tag vorher hatte die Nachricht, daß der in der ganzen Branche angesehene BMW-Entwicklungschef das Unternehmen verlassen werde, die deutsche Automobilwirtschaft in Erstaunen versetzt.

Der 51jährige Radermacher, der vor zehn Jahren vom Kugellager-Hersteller SKF in Schweinfurt in den Vorstand von BMW gewechselt war, hat den anhaltenden Aufschwung der weiß-blauen Autofabrik wesentlich mitbestimmt. "Er hat einen technischen Riecher für das, was unsere Kunden haben wollen", resümiert ein Mann aus dem Hause. "Alle Modelle, die er zur Reife führte, waren absolute Erfolge am Markt."

Dies gilt auch für die im Herbst herausgebrachte neu konzipierte "Dreier-Reihe". Sie hat zwar auch manche Kritik ausgelöst, nicht zuletzt im eigenen Haus; der Spiegel konnte darüber sogar aus internen Vorstandsprotokollen zitieren. Aber bei den Kunden kommen die neuen kleinen Modelle hervorragend an. Um 41 Prozent höhere Zulassungszahlen in den Monaten Januar bis April gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres sprechen für sich. "Unsere Otto-Motoren gelten heute als die besten der Welt", schwärmt Firmensprecher Dirk Henning-Strassl. Der 2,3-Liter-Diesel-Turbo-Motor aus dem Werk Steyr, der im Juni vorgestellt werden soll, sei ebenfalls "Weltspitze" und leite eine "ganz neue Ära" ein. Dies sei der von Radermacher verantwortete Stand der BMW-Technik.

Warum dann gerade jetzt die Trennung von dem florierenden Unternehmen, dem er zehn Jahre lang so viele technische Impulse hat zukommen lassen? Von der Münchener Boulevard-Presse wurde sie fälschlicherweise gar als eine Art Hinauswurf gedeutet (tz: "Blauer Brief für den BMW-Entwicklungschef?")

Es sind wohl nicht die Erfolge der Vergangenheit, sondern es sind Differenzen über den zukünftigen Weg, die Radermachers Abschied bestimmen. Er gilt als betont konservativ in der Formgestaltung neuer Autos, als Fürsprecher des Understatement. Die Händlerorganisation, so verlautet aus München, verlange dagegen zunehmend neue Autos, die sich äußerlich stärker von ihren Vorgängern abheben, weniger "zeitlos" sind.

Auch Vorstandsvorsitzender Eberhard von Kuenheim, so heißt es, könne nicht umhin, diesen Forderungen Gehör zu schenken. Bei dem jetzt erreichten Konzernumsatz von nahezu zwölf Milliarden Mark spüre er immer stärker den Zwang, die Zukunft des Unternehmens durch neue Kundenschichten abzusichern.