Am 26. Oktober 1942 meldet Dr. Hebold von der sächsischen Anstalt Großschweidnitz dem Direktor der psychiatrisch neurologischen Klinik der Universität Heidelberg, Professor Carl Schneider, "einzelne hochgradig Schwachsinnige für die Forschungsabteihmg". Darunter befindet sich der knapp 19jährige Heinz H, ein "schöner Hydroeephalus. Ganz primitiv und tief stehend".

Wenige Tage zuvor, am 15. Oktober, hatte Schneider seinem "lieben Freund", Professor Hermann Paul Nitsche, seit Ende 1941 für die NaziEuthanasie verantwortlich, ein Dankschreiben geschickt: "Ich danke außerdem für die Übersendung der Photokopien der fünf Geschwister H. Ich werde ihre Verlegung in absehbarer Zeit beantragen In einem handschriftlichen Nachtrag neust es: "Viele schöne Idioten haben wir in der ebässischen Anstalt von Hirth in Straßburg festgestellt. Verlegungsanträge werden folgen "

Carl Schneider, der so ungeniert über die Zulieferung von neuem "Forschungsmaterial" korrespondiert, zählt zu den Schlüsselfiguren der "Vernichtung lebensunwerten Lebens", wie die Massentötung von Geisteskranken während der NaziZeit genannt wird. Er ist einer der ersten, die die Tötungen planen und organisieren. Zu seinen bezahlten Nebentätigkeiten gehört die Auswahl von Kranken für die Euthanasie - zur Begutachtung liegen ihm nur von den Anstalten ausgefüllte Meldebogen vor. Außerdem arbeitet Schneider als Spitzel für den Sicherheitsdienst (SD) und als Wehrpsychiater, wobei er bei "mangelndem Gesundheitswillen" von Soldaten für eine Unterbringung im Konzentrationslager plädiert.

Die Heidelberger Klinik genießt die Förderung der Berliner Euthanasie Zentrale, das Hauptamt II der Kanzlei Hitlers, das die Massentötungen zur besseren Tarnung unter dem Briefkopf von Scheinunternehmen betreibt. Die Heidelberger Forschung ist in Berlin so hoch angesehen, daß am 1. Dezember 1942 für die stattliche Miete von 4200 Reichsmark in der Anstalt Wiesloch eine eigene Abteilung eingerichtet wird. Sie wird jedoch - infolge der Kriegslage - nach einigen Monaten wieder geschlossen.

Schneiders ärztliche Mitarbeiter sind auf einer internen. Namensliste der für die Berliner Zentrale tätigen Ärzte unter dem Stichwort "Forschung Heidelberg" aufgeführt. Es sind dies: Profi Schneider, Dr. Scnmorl, Dr. Suckow, Dr. Rauch, Dr. Wendt, Dr. Schmieder (in der Reihenfolge der Liste). Dabei ist Dr. Hans Joachim Rauch für die "Hirnhistopathologie der Idioten" zuständig (Schneider am 21. Januar 1943 an die Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten, eines der Schein Unternehmen zur Tötung der Kranken).

Die Krankentötungen - intern mit "Aktion" umschrieben - bieten der "Forschung" völlig neue Perspektiven, wie einem Bericht Schneiders vom 24. Januar 1944 an Nitsche zu entnehmen ist: Während früher "die Idioten nicht gleich starben", kann nun "dank der Aktion eine rasche anatomische und histologische Klärung erfolgen". Im Klartext: Man kann nun "interessante Fälle" töten und sezieren. So heißt Schneiders Bericht denn auch: "Bericht über Stand, Möglichkeiten und Ziele der Forschung an Idioten und Epileptikern im Rahmen der Aktion", wobei zu wiederholen ist, daß mit "Aktion" die Euthanasie umschrieben wird.

Besonders eng gestaltet sich die Zusammenarbeit der Heidelberger mit der unweit von Rüdesheim in den Rheingauer Weinbergen gelegenen Anstalt Eichberg (2722 Tote von Januar 1941 bis zum 31. März 1945). In einer Anklageschrift (147 Ts 5867 StA Hamburg) ist diese Zusammenarbeit beschrieben: "Die Forschungsabteilung der psychiatrisch neurologischen Klinik Heidelberg korrespondierte mit der Anstalt Eichberg über die Sezierung von Kindern, die zumindest körperlich völlig gesund waren. So wurde am 6. Juli 1944 bezüglich eines Kindes, das unter einer keineswegs zum Tode führenden Geisteskrankheit litt und körperlich gesund war, von Professor Schneider Wert darauf gelegt, daß im Falle einer Sektion nicht nur eine Gesamtsektion durchgeführt wird, sondern auch außer dem Gehirn Ausschnitte aus dem gesamten Drüsensystem nach hier zur Untersuchung geschickt werden "