West-Berlin

Darf es etwas mehr sein? Sonst noch? Danke, das ist alles. Nein, das geht so. – Wer je etwas gekauft oder veräußert hat, weiß um die kommunikative Komponente des Handelns; Warenaustausch vollzieht sich wortreich. Für die Ost-West-Beziehungen gilt dies ebenso, wie es auf den Besuch beim Fleischer zutrifft: Wenn nicht mehr miteinander geredet wird, geraten die Geschäfte ins Stocken.

Daß geredet wird, also, ist notwendig. Reicht es aber auch hin? Der Beweis im großen steht aus. Das merkantile Gemurmle der Aufschwungsphraseologen hat (noch?) nichts gefruchtet.

Den Beweis im kleinen erbringt die "Zweite Hand", ein ganz und gar ungewöhnliches Anzeigenblatt, das seit Ende Januar in Berlin wöchentlich erscheint und sichtlich gedeiht. Wo die Menschen im Zuge der Krise verstummen, arbeitslos, mittellos und von der Vereinsamung bedroht ihr scheintotenstilles Dasein fristen, schickt dieses Periodikum sich an, Gesprächigkeit neu zu beleben und ökonomisch urbar zu machen – via Kleinanzeigen.

Die Gazette ist keine Zeitung: Sie enthält weder Artikel noch Überschriften, geschweige denn Bilder oder übliche Werbung. Statt dessen private Kleinanzeigen auf anfangs acht, heute schon 24 Seiten. Das Anzeigenblatt arbeitet reziprok zu seiner Branche: Nicht das Inserat muß bezahlt werden, und die Postille ist umsonst, sondern das Druckwerk kostet eine Mark und die Annonce dafür nichts.

Der 38 Jahre alte Architekt Klaus Homann hat die Idee aus Italien importiert, um sich zusammen mit der 45jährigen Kontoristin Susanne und dem 23 Jahre alten Bauer Konrad "eine kleine Existenz" aufzubauen. Mit Erfolg: Die Auflage stieg binnen dreier Monate von 10 000 auf über 35 000 Exemplare.

"Crisis & Communication" lautet das Unternehmensmotto, dessen Sinn erst mittelbar erkennbar wird. Denn die Anzeigen, die sich auf vierzig Rubriken verteilen, sind sattsam bekannt: Dendritensammlung zu verkaufen, junger Mann sucht Arbeit (außer Vertreter und Spionage), Azubi braucht Wäscheschleuder.