Verstehen wir noch die Welt, die wir erleben? Niedersachsens Kultusminister Georg-Bernd Oschatz hat in Rückschau auf die Hannover-Messe davor gewarnt, "die Stromkreise der Mikroelektronik weiterhin über die Köpfe der Menschen hinweg zu installieren."

"Oschatz warnt vor ausufernder Technologieeuphorie", schreibt das Pressereferat des Kultusministeriums zu den Ausführungen des Chefs. Der aber hat eher darüber nachgedacht, wie sich die Menschen auf die Technik einrichten können als darüber, wie die Technik auf die Menschen zugeschnitten werden sollte. Die Hannover-Messe hat dem Minister deutlich gemacht, "daß allgemein noch erhebliche Wissensdefizite und fehlendes Grundverständnis der technischen Systeme und ihrer Bedienungs- und Anwendungsmöglichkeiten bestehen". Also kritische Auseinandersetzung mit der neuen Technik – vielleicht mit der Folge, daß Mikroelektronik nicht mehr "über den Köpfen der Menschen" stattfindet, aber auch keine sinnlose Verkabelung unter ihren Füßen?

Keineswegs: Oschatz fordert die Bildungspolitik auf, "unverzüglich" die Bildungsinhalte stärker auf die Anforderungen des Beschäftigungssystems zu beziehen – "bildungspolitische Offensive mit technologischem Weitblick", wie der Minister meint? * Unbildung als nationale Katastrophe empfinden nicht nur bundesdeutsche Schulkritiker. Eine National Commission on Excellence in Education hat jetzt im Weißen Haus ihren "Offenen Brief an das amerikanische Volk" vorgestellt. Die Klage der Gelehrten und Experten, an deren Spitze der designierte Präsident der University of California steht, bedient sich einer im heutigen Washington nicht unüblichen martialischen Diktion: "Hätte eine unfreundlich gesonnene Macht versucht, Amerika das heutige mittelmäßige Bildungssystem aufzuzwingen, hätten wir dies mit gutem Grund als kriegerischen Akt betrachten können." Die Leistungsfähigkeit amerikanischer Schüler und Studenten sinke seit den sechziger Jahren, 23 Millionen erwachsene Amerikaner und 13 Prozent der 17jährigen seien funktionelle Analphabeten; "unsere einst unumstrittene Vormacht in Handel, Industrie, Naturwissenschaft und neuen Techniken wird von Konkurrenten aus der ganzen Welt gebrochen". Die Kritiker fordern eine ganze Palette von Maßnahmen: Ganztagsschulen, weniger Schulferien, Highschool-Abschluß nicht mehr mit Fächern wie Maschineschreiben und Gymnastik, sondern nur für Schüler, die gründlich die klassischen Hauptfächer, aber auch Sozial- und Computerkunde betrieben haben; mindestens zwei Jahre Unterricht in einer Fremdsprache für alle, die am College studieren wollen, und dann noch eine Reform, die in der Bundesrepublik keiner vorschlagen würde: höhere Gehälter für die Lehrer.

Peter Pedell