Die Bürgermeisterin von Cannes nennt es verächtlich das "Blockhaus", die spöttischen Franzosen haben es sogleich "Le Bunker" getauft: das 500 Millionen Francs teure Festivalgebäude, eine jener überwältigenden architektonischen Scheußlichkeiten, wie man sie inzwischen in Moskau ebenso findet wie in Chikago oder Manila. Zum ersten Mal findet das Filmfestival von Cannes – es ist das 36. – in dem monotonen, monochromen Betonklotz am alten Hafen statt.

Der Samurai-Krieger, den Akira Kurosawa für das offizielle Plakat des Festivals 1983 gezeichnet hat, präsidiert über ein eindrucksvolles Gipfeltreffen des internationalen Kinos. Mit besonderer Spannung werden drei Filme erwartet, die erst in der zweiten Woche ihre Premiere erleben: Andrej Tarkowskis "Nostalgie", in Italien gedreht, die erste Arbeit des genialen Regisseurs von "Solaris", die außerhalb seiner sowjetischen Heimat entstand; "Das Geld" von Robert Bresson, wahrscheinlich der letzte Film des großen Asketen; "Die Mauer" von Yilmaz Güney, nach seiner Flucht aus der Türkei unter extremer Geheimhaltung in Frankreich gedreht.

An großen Namen fehlt es auch sonst nicht im Wettbewerbsprogramm: Nagisa Oshima zeigt "Fröhliche Weihnachten, Mister Lawrence", mit David Bowie in der Rolle eines britischen Offiziers, der in ein japanisches Kriegsgefangenenlager gerät. Der Spanier Carlos Saura hat eine "Carmen" gedreht. Patrice Chereaus neuer Film heißt "Der Verwundete". Hanna Schygulla spielt die Hauptrolle in Marco Ferreris italienischem Beitrag "Die Geschichte der Piera".

Zum ersten Mal seit langem fand kein deutscher Film Gnade vor den Augen des Auswahlkomitees. Dafür ist die Bundesrepublik in der "Quinzaine des Réalisateure", dem renommierten Parallelfestival, das jetzt im alten Palais an der Croisette stattfindet, gleich mit vier Beiträgen vertreten. Die Quinzaine 1983, dem Andenken von Rainer Werner Fassbinder gewidmet, zeigt eine Kino-Version von RWFs im Ausland noch unbekanntem "Bollwieser", den er 1976 für das ZDF drehte. Außerdem im Programm: Tankred Doms "Eisenhans", Robert van Ackerens "Die flambierte Frau" und Joseph Rödels "Grenzenlos" mit Therese Affolter.

Politischen Ärger gab es schon zum Auftakt des Festivals, das am 19. Mai mit der Verleihung der Preise durch die internationale Jury unter dem Vorsitz des amerikanischen Schriftstellers William Styron ("Sophies Entscheidung") endet. François Mitterrand selber, mit Styron befreundet, soll dafür gesorgt haben, daß der Amerikaner Jury-Präsident wurde. Konservative französische Zeitungen wie der "Figaro" fürchten um die Unabhängigkeit des Festivals. Normale Festivalbesucher fürchten indessen mehr um ihren Verstand: im "Bunker" am alten Hafen herrschen völlig chaotische Zustände.

Hans-Christoph Blumenberg