Die Chinesen machen große Visite in Osteuropa: Parteichef Hu Jao-pang besucht Rumänien und Jugoslawien, sein stellvertretender Außenminister Qian Qichen zusätzlich Ungarn, Polen, die DDR und die Sowjetunion.

Hu Jao-pang begann seinen Besuch in Rumänien, das sich in den sechziger Jahren durch enge Kontakte zu China dem sowjetischen Einfluß zu entziehen versuchte. In den siebziger Jahren versuchte Peking zeitweilig, Rumänen, Jugoslawen und Albaner zu einem antisowjetischen Block zu bewegen. Als sich die Differenzen zwischen diesen Balkanländern und Moskau verstärkten, warnte allerdings der damalige Ministerpräsident Tschou En-lai: "Ferne Wasser können das Feuer nicht löschen."

Die jetzige Visite des chinesischen Parteichefs hat weit weniger spektakuläre Bedeutung. Schon beim Empfang in Bukarest trat Hu Jao-pang zurückhaltend auf und vermied alle antisowjetischen Töne. Allerdings sprach er von der kommunistischen Weltbewegung, als sei sie eine Sache der Vergangenheit. Peking, so ergänzten die chinesischen Besucher in Gesprächen mit Presseleuten, strebe normale staatliche Beziehungen mit den osteuropäischen Ländern und auch mit der Sowjetunion an.

Der rumänische Staats- und Parteichef Ceausescu erklärte, daß sich die Prinzipien von Gleichheit, Unabhängigkeit und Nichteinmischung immer stärker als neue Prinzipien der Beziehungen zwischen kommunistischen Parteien erweisen müßten. Auf dieser Grundlage sei Rumänien entschlossen, seine Beziehungen zu allen sozialistischen Ländern zu entwickeln.

Dabei bereitet die Entwicklung der Beziehungen zur Sowjetunion den Rumänen in jüngster Zeit offenbar wieder große Schwierigkeiten. Seit Mitte April haben die sowjetischen Medien die Angriffe auf rumänische Publikationen verschärft. Die Tendenz der Kritik richtet sich gegen eine "Überbewertung des Nationalen" durch die Autoren aus dem Lande Ceausescus.

Der rumänische Führer wiederum erteilte auf einem wissenschaftlichen Seminar der marxistischen These von der "Diktatur des Proletariats" eine Absage. Angesichts der Veränderungen der sozialistischen Gesellschaft und der neuen demokratischen Formen der Verwaltung könne man "ohne Furcht vor Irrtümern feststellen, daß die Idee einer Diktatur des Proletariats nicht mehr den historischen Gegebenheiten Rumäniens entspricht". csh