Von Hanno Kühnert

Fünfzig Jahre hat es gebraucht, bis sich ein unbefangener, gründlich arbeitender und in Stil und Wortwahl genuiner Chronist fand, die Anfänge der Konzentrationslager im Nationalsozialismus zu beschreiben. Es war in Dachau, wo der Hitler-Staat sein erstes "KL" errichtete, wie die KZs zunächst hießen. Die ersten zwei Jahre dieser Menschenquäler- und Mordanstalt vor den Toren Münchens, die Einrichtung des Lagers, das Wüten der SA und der SS, die erbarmungswürdigen Schicksale von Kommunisten und Sozialdemokraten, die sadistischen Quälereien und Ermordungen der Juden – dies alles erzählt das Buch von

Hans-Günter Richardi: "Schule der Gewalt, Das Konzentrationslager Dachau 1933-1934"; Verlag C. H. Beck, München 1983; broschiert, 344 S., DM 48,–

Niemals habe ich ein Buch gelesen, das mich mit so viel Bestürzung über die eigene, die deutsche Nation erfüllt hat, jene Nation, die die Schaffung eines solchen Ortes duldete. Dabei handelt Richardi seinen grauenerregenden Stoff meist im Reportagestil ab, zwar innerlich deutlich auf der Seite der Verfolgten, aber dennoch sachlich und angesichts des Stoffes ruhig bleibend.

Dachau zeigt die Anfänge, die doch keine mehr sind, weil die uniformierten Nationalsozialisten des Lagers von Beginn an ihrem Haß und ihrem Sadismus freie Bahn lassen, als ob es in Deutschland nie Recht und Gesetz, als ob es nie Justiz und Menschenrechte der Weimarer Reichsverfassung gegeben hätte. Das Unrecht, das in diesem Buch dargestellt wird, ist durch seine Individualität, durch genaue Nachzeichnung der Lebensschicksale der Opfer, durch Beschreibung der Stimmungen und Ereignisse im Lager, durch die Darstellung absoluter Auswegslosigkeit so überaus fürchterlich und deprimierend. Das Auschwitz von 1944 ist im Dachau von 1934 schon Wirklichkeit.

Richardi begann 1975 mit seinen Befragungen und Recherchen für eine Gesamtdarstellung des Lagers Dachau. Bis dahin hatte niemand die Überlebenden gefragt. Die Forschung hatte das versäumt. Sieben Jahre lang holte Richardi es nach. Er zog Dokumente der SS-Führung, Unterlagen der Kommandantur sowie Strafverfolgungsakten und Zeugnisse von Gefangenen und Bewachern heran. Schließlich hatte er so viel Material über das Lager zusammen, daß er sein Werk teilen mußte: Ein zweiter Band mit der Geschichte Dachaus von 1935 bis zur Befreiung der Gefangenen 1945 soll folgen.

Die ersten vier Morde in der ehemaligen Pulverfabrik in Dachau geschehen bereits am 12. April 1933. Die jüdischen Gefangenen Benario, Goldmann, Arthur und Erwin Kahn werde von SS-Männern in den Wald getrieben, der an das Lager grenzt. Im Wald sollen die Wehrlosen mit Pistolenschüssen ermordet werden. Nur Erwin Kahn überlebt den Anschlag zunächst. Er wird in die Chirurgische Klinik nach München gebracht und berichtet einem Arzt und einer Schwester von dem Anschlag. Die Staatsanwaltschaft in München beginnt mit Ermittlungen, kann aber den Tätern die Morde nicht nachweisen. "Auf der Flucht erschossen", ist der stereotype Spruch, mit dem die SS ihre Taten bemäntelt.