Die neuen Frauenbewegungen der westlichen Welt würden wohl auch ohne dieses Buch existieren, denn ihr Entstehen hat komplexe Gründe. Doch sei die Behauptung gewagt: Ohne dieses Buch würde der Feminismus auf sehr viel wackeligeren Füßen stehen, müßte sich theoretisch Schritt für Schritt erobern, was hier eine Pionierin mit Siebenmeilenstiefeln abgemessen hat.

"Das andere Geschlecht" ist für den Feminismus von ähnlich fundamentaler Bedeutung wie Marx* "Das Kapital" für den Sozialismus. Dabei ist es nur scheinbar paradox, daß heute ein großer Teil der unter dem Etikett "Feminismus" gehandelten Inhalte und Aktivitäten den Beauvoirschen Erkenntnissen diametral widersprechen. Im Laufe von zehn, zwölf Jahren Frauenkampf ist die Verwässerung und Verfälschung radikaler Erkenntnisse und revolutionärer Theorien eben auch ein Teil der Konterrevolte, mit der gerechnet werden mußte. Schmerzlich ist, wenn auch Frauen die patriarchalischen Interessen selbst mit verfechten, zu "Mittäterinnen" (Beauvoir) werden. Aber auch damit mußte gerechnet werden. Es steht in unserer Geschichte geschrieben, und auch eine Beauvoir drückte sich nicht vor diesem Aspekt

Als das Buch 1949 erscheint (Beauvoir ist zu der Zeit schon berühmt: als Schriftstellerin, Philosophin und Gefährtin Sartres), löst es einen Skandal aus. Vorabdrucke in der Massenpresse und heftige Fehden in Genossenkreisen: Die kommunistische "Humanité" zetert, Camus wirft die zwei Bände quer durch den Raum und brüllt: "Sie machen den französischen Mann lächerlich, Madame."

In den darauffolgenden 50er und 60er Jahren wird das Buch zum Leuchtfeuer für die in der Dunkelheit einer namenlosen Verzweiflung ganz und gar isolierten Frauen. Damals wie heute liegt die direkte agitatorische Sprengkraft des Buches, das nicht nur Theorien beeinflußte, sondern auch Leben veränderte, ohne Zweifel in dem Zusammenspiel von Text und Leben, im Miteinander der Essays, Memoiren und (oft stark autobiographischen) Romane Beauvoirs.

Für die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre wiederbeginnenden Frauenbewegungen wird "Das andere Geschlecht" zur wahren Bibel von New York bis Frankfurt. Fast alle im Zuge des neuen Feminismus erscheinenden theoretischen Texte profitieren auch von Beauvoirs Analyse.

In einigen Punkten gehen die neuen Feministinnen weiter. Sie erfassen die Rolle der physischen Gewalt bei der Unterdrückung von Frauen und die Rolle der Zwangsheterosexualität (im amerikanischen Raum sind Autorinnen wie Susan Brownmiller mit "Gegen unseren Willen" oder Kate Millet mit ihrem Gesamtwerk Beispiele dafür). Doch im wesentlichen ist "Das andere Geschlecht" drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen zwar weiterzudenken, nicht aber zu überholen, da es den Kern dessen, was das "Frauenschicksal" ausmacht, erfaßt, und den Ansatz zu seiner Überwindung benennt.

Was nun ist die Kernaussage dieser vor fast zwei Generationen erschienenen Arbeit? Daß Frauen so unendlich viel mehr sind als "nur" benachteiligt, als "nur" unterdrückt, als "nur" ausgebeutet – nämlich seit Jahrtausenden inferior gehaltene Wesen.