Von Luis Murschetz

Die dralle junge Frau mit dem dicken Zopf ist der Flugkapitän. Sie hat gerade noch unsere Flugtickets ausgestellt, das Gepäck gekennzeichnet und für den Flug selbst kassiert, Jetzt wuchtet sie mit der Hilfe des Kopiloten unsere Koffer in die zweimotorige Maschine. Sie wird uns die windige Strecke von Kirkenes nach Vadsö über den breiten, grauen Varangerfjord fliegen.

Kirkenes aus der Vogelperspektive, das sind bunte Häuserwürfel um eine Bucht gestreut, das ist eine große Fabrik, die Eisenerz veredelt, dabei ganz regelmäßig Rauch ausstößt, wie ein gestrandeter Wal, der noch atmet; und die Häuser scheinen die Wärme des Riesen zu suchen.

Einige Kilometer weiter östlich, auf sowjetischem Gebiet, hat sich die Stadt Nikel, wie ein Kriegsschiff auf See, selbst eingenebelt. Hohe, qualmende Schlote sorgen dafür, daß kein kapitalistisches Auge Wesentliches dieses Vorpostens des roten Reiches ausmacht.

Am Nachmittag habe ich mit einer kleinen Schar von Nordlandfahrern die russische Grenze besucht, die weder aus Panzersperren besteht noch aus Minenfeldern, sondern lediglich mit Holzpflöcken in endloser Doppelreihe markiert ist. Die russischen Wachsoldaten richteten, dankbar für die Abwechslung, ihre Ferngläser auf uns. Man sagt ihnen nach, daß sie sonst nur landeinwärts spähen.

An der Straße, die nach Kirkenes führt, stehen niedere Birken gemischt mit Wacholderbüschen. Am Boden wuchern dichte, hohe Heidelbeersträucher. Dem skandinavischen Sicherheitsbedürfnis entsprechend fahren die Automobile auch tagsüber mit Licht, wogegen sich Radfahrer mit sperrigen, rotweißen Tafeln auf dem Gepäckträger kenntlich machen.

Setzt sehen wir unten im Fjord das behäbige Schiff der Hurtigrute, den täglichen Küstenschnelldienst, durch das in Silber verwandelte Wasser pflügen. Wir werden das Schiff später noch kennenlernen und feststellen, daß hurtig im Norwegischen etwas anderes bedeuten muß als geschwind.