Das Denkmal Luthers am Eisenacher Platz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft sah hinab auf rote Fahnen. Der 1. Mai-Schmuck blieb bis zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, hängen. Dazwischen lag der 4. Mai, an dem die Evangelische Kirche der DDR hier das Luther-Jahr 1983 eröffnete.

Dreizehn Tage zuvor hatte Erich Honecker, Vorsitzender des staatlichen Luther-Komitees, die restaurierte Wartburg wieder eröffnet. "Wir waren fürs Spalier auf die Straße organisiert worden", erzählte eine Eisenacher Schülerin. Alles wie sonst: Pioniere, mit blauen Halstüchern und Friedenstauben aus Pappe, sangen sozialistische Lieder, Arbeiter übergaben rote Mappen mit Arbeitsversprechen, Kammermusiker spielten im Festsaal der Wartburg die DDR-Hymne. Vorsitzender Honecker schritt mit seiner Delegation durch die Räume der Burg, interessierte sich für die glitzernden Mosaiken in der Elisabeth-Kemenate und sah die karge Stube, in der Luther vor 462 Jahren als Junker Jörg das Neue Testament übersetzte. Er trug sich ins Gästebuch ein, gab ein Essen, redete mit dem thüringischen Landesbischof Werner Leich, dem Vorsitzenden des kirchlichen Luther-Komitees, und bekundete dabei Verständnis für die "legitimen Interessen" der Kirche.

Am 4. Mai, dem Tag, an dem Luther einst auf der Wartburg eintraf, wiesen Polizisten und junge christliche Ordner in seltener Eintracht den Gästen den Weg.

Majestätisch überragt die Burg das weite thüringische Land. Die Ordner waren Schüler aus Eisenach. Ein Mädchen mit Zöpfen und Nickelbrille, ein Kreuz aus Leder auf dem groben, blauen Pullover, erzählte, daß sie schulfrei haben. "Das macht Spaß hier", sagte sie. "Es ist interessant, all die Leute zu sehen, die beiden afrikanischen Bischöfe zum Beipiel und überhaupt die ausländischen Gäste." Solche internationalen Feste haben für die Menschen in der DDR, die so wenig herumkommen, etwas vom Duft der großen, weiten Welt.

Richard von Weizsäcker, West-Berlins Regierender Bürgermeister, wurde von Journalisten umringt. "Finde ich prima, daß der gekommen ist", sagte ein junger bärtiger Ordner, zukünftiger Diakon. "Der hätte ja auch nach Bonn fahren können." Man konnte es in der DDR nicht verstehen, daß Bundeskanzler Kohl ausgerechnet an diesem 4. Mai, der schon seit langer Zeit als Luther-Festtag eingeplant worden war, seine Regierungserklärung abgab. "Manche bei uns halten es für einen Affront", meinte der junge Mann. "Ich fürchte, es ist schlimmer: pure Gleichgültigkeit gegenüber allem, was in der DDR passiert."

Als letzte traf die staatliche Delegation ein, mit Horst Sindermann, Honeckers Stellvertreter im Staatsrat, und Gerald Götting, Chef der DDR-CDU. Die Festveranstaltung war genau so, wie Veranstaltungen solcher Art sind: Musik und mehr oder minder lange Reden vor geladenen Gästen.

"Das ist doch auch nur so ein Festival", zitierte ein Theologiestudent die Meinung vieler Kommilitonen. Was Bischof Leich gesagt habe, von der Freiheit des Christenmenschen, die Luther proklamiert hat, das habe ihm gut gefallen: "Die Freiheit durch den Glauben und durch die Liebe, verstehen Sie, nicht abhängig sein vom Staat, nicht von der eigenen kleinen Person, frei sein für andere Menschen. Aber müßte man das nicht anders erklären? Vielleicht mehr wie Luther den Menschen aufs Maul schauen, damit man ihre Sprache spricht?"