Den Konsens kann man jedoch auch voreilig zerreden. Es ist gut möglich, daß er nicht überdauerte, wenn die Verhandlungen erfolglos blieben. Was aber, wenn Genf doch ein Ergebnis brächte, das eine Begrenzung von Mittelstreckenraketen mit einer maßvollen Mini-Nachrüstung verbindet – etwa nach dem Modell der formlosen Absprache zwischen den Delegationsleitern Nitze und Kwitzinskj vom vergangenen Sommer, die im Osten eine Abrüstung auf 75 SS-20-Raketen (mit je drei Sprengköpfen) im Westen eine Aufrüstung von 75 Cruise-Missile-Abschußgestellen (mit je vier Raketen) vorsah? Ehmke hat in seiner Bundestagsrede angedeutet, daß die Sozialdemokraten dem durchaus positiv gegenüberstünden. Wäre es so undenkbar, daß die Koalition und die größte Oppositionspartei einen solchen Kompromiß gemeinsam tragen und durchstehen könnten?

Drohende Spaltung

Deshalb ist es nicht nur für die Verhandlungen in Genf wichtig, die Kompromißbereitschaft der Sowjets auf die Probe zu stellen und ihr, soweit dies mit den Grundsätzen westlicher Sicherheit vereinbar ist, entgegenzukommen. Ein erfolgreiches Ergebnis in den Verhandlungen ist ebenso wichtig auch für den Fortbestand des politischen Konsens in der Bundesrepublik. Denn wenn dieser Konsens, der schon ins Rutschen geraten ist, gänzlich zerbrechen sollte, stünde eine tiefe politische Spaltung der Bundesrepublik ins Haus, die weit über die Raketenfrage hinaus wirken würde; der Nato-Doppelbeschluß hätte uns nicht, wie gehofft, einen Zuwachs an Bundessolidarität, sondern einen bitterbösen inneren Zwist beschert. Und dies auf Jahre hinaus: 1987 erst wäre das Aufstellungsprogramm in Europa abgeschlossen.

Daran aber kann niemandem gelegen sein: den Koalitionsparteien nicht, die die Aussicht auf andauernden innenpolitischen Streit schrecken muß; den Sozialdemokraten nicht, die durch ein "Nein" zur Nachrüstung wieder in die politische Außenseiterrolle der fünfziger Jahre zurückfallen könnten; den Bündnispartnern nicht, für die ein zerstrittenes Westdeutschland ein unheimlicher Partner wäre. Und kann sich die Sowjetunion von einem innenpolitischen Streit in der Bundesrepublik langfristige Vorteile versprechen? Eher müßte sie eine Verhärtung im Ost-West-Verhältnis fürchten.

Das alles ist keine Garantie, daß Sowjets und Amerikaner zu einem brauchbaren Kompromiß finden werden. Es ist auch keine Rechtfertigung für einen Kompromiß um jeden Preis. Das Bündnis kann sich, wenn es politisch glaubhaft bleiben will, nicht durch Vertagung vor der Konsequenz seiner Beschlüsse drücken. Aber die Kompromißlosigkeit hätte einen hohen Preis – und ihn gilt es sowohl bei den Verhandlungen in Genf wie bei der Debatte zu Hause zu gewärtigen.

Mit der Stationierung oder Nicht-Stationierung der neuen Waffen in Westeuropa hört die Politik nicht auf – weder im Ost-West-Verhältnis noch hierzulande. Auch danach wird es darauf ankommen, daß der Dialogfaden zur Sowjetunion, der dünngescheuert ist, nicht gänzlich zerreißt. Andropows jüngstes Angebot läßt vermuten, daß auch die Sowjetunion dies nicht wünscht. Und auch danach werden wir weiter das sicherheitspolitische Einvernehmen der großen Bundestagsparteien brauchen, wenn es sich irgend erhalten läßt.