Von Dietrich Strothmann

Anschauungsunterricht vor Ort im Libanon: Am Ende seiner zwölftägigen Pendelmission resümierte US-Außenminister George Shultz in Beirut gerade den Erfolg seiner Nahost-Diplomatie. Noch kurz zuvor hatten sich christliche und drusische Milizen heftige Artillerieduelle geliefert. Jetzt herrscht endlich Waffenstillstand. Kaum aber hatte der Düsenclipper mit dem Amerikaner an Bord die libanesische Hauptstadt verlassen, donnerten die Geschütze wieder los. Die Feuerpause zwischen den verfeindeten Libanesen hatte gerade knapp eine Stunde gedauert. Dann gab es erneut Tote und Verletzte.

Abgesehen von den "großen Steinen", die George Shultz bei diesem Shuttle aus dem Wege räumen wollte – den simultanen Abzug der Syrier, Palästinenser und Israelis, die Voraussetzungen für eine Normalisierung zwischen Israel und dem Libanon als Grundlage einer Reaktivierung des Reagan-Planes harrt noch die einfachste aller Fragen einer klaren Antwort: Wer regiert, sollten die fremden Truppen das Land tatsächlich verlassen haben, den Libanon? Wer hat die Macht, die selbstzerstörerischen Kräfte zu bändigen?

Heute gebietet der libanesische Präsident Amin Gemayel gerade über das Stadtgebiet von Beirut und seine nördlichen Vororte. Bereits in die zwischen Christen und Drusen umkämpfte Region am östlichen Stadtrand Beiruts wagte er nicht, seine eigene Armee als Schlichter zu schicken; statt dessen bat er die Amerikaner aus der Multinationalen Friedenstruppe um Vermittlung.

Wie soll es da diesem schon innenpolitisch so machtlosen Präsidenten gelingen, den Syrern den 1976 geschlossenen Pakt aufzukündigen, der sie zum Einmarsch in den Libanon berechtigte? Wie erst soll er die Sowjets dazu bringen, ihren syrischen Vasallen den Abmarsch aus dem libanesischen Bekaa-Tal im Osten und aus dem Norden des Landes zu befehlen?

George Shultz hat nichts erreicht, er konnte – angesichts der verwickelten, verfahrenen Situation auch nichts erreichen. Nicht einmal die "prinzipielle" Zustimmung der Israelis für seinen Truppenentflechtungs-Plan ist ein Erfolg amerikanischer Nahost-Vermittlung. Gewonnen hat allein Jerusalem: Es bekommt jetzt von Washington die zurückgehaltenen Elektronikteile für seine neue Düsenjäger-Eigenproduktion "Lavi", alsbald die ersten der insgesamt 75 F-16-Jagdbomber, demnächst die zurückgestellte "Strategische Übereinkunft" und sogar die immer wieder aufgeschobene Einladung zum Besuch Ministerpräsident Menachem Begins bei Ronald Reagan.

Und wenn es mit dem gemeinsamen Abzug der fremden Truppen aus dem Libanon doch nicht klappt – wofür nach der Abfuhr, die Shultz in Damaskus von Präsident Assad erhalten hat, alles spricht –, wird Israel wieder einmal vollendete Tatsachen schaffen: Es zieht seine Einheiten auf eine Verteidigungslinie am Alawi-Fluß zurück, rund 45 Kilometer nördlich der Landesgrenze, und erklärt das Territorium kurzerhand zu seinem Kontrollbereich. Da sich danach auch Syrien in seinem Herrschaftsgebiet auf Dauer einrichten wird, ist die Teilung des Libanon perfekt. Amin Gemayel ist dann nur ein Bürgermeister.