Jenseits von Markt und Macht. Eine Ordnung für den Menschen." Von G. Kirsch/K. Mackscheidt/Ph. Herder-Dorneich/W. Dettling. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 79 Seiten, IV DM.

Das Spektrum des Liberalismus ist breit. Und zu seinen Markenzeichen gehört der Wandel. Jenseits von Angebot und Nachfrage" war der Titel eines gegen Ende der fünfziger Jahre erschienenen und viel gelesenen Buches, in dem Wilhelm Röpke, einer der Patriarchen des Ordo-Liberalismus, gegen Kollektivismus, Totalitarismus und Kommunismus mit Verve zu Felde zog. Motto des Buches: Marktwirtschaft ist die freien Menschen angemessene Wirtschaftsordnung; aber sie ist nicht alles; sie muß in eine höhere Gesamtordnung, in eine freiheitliche Gesellschaft eingebettet sein.

Marktwirtschaft ist nicht nur nicht alles; sie stößt nun auch von Innen her an ihre Grenzen. Auf diese für Fahnenträger der Marktwirtschaft zumindest mißtönende Kurzformel läßt sich der Inhalt von Jenseits von Markt und Macht" (Macht steht für Staat) bringen.

Das Buch ist das in geordneten Kapiteln niedergeschriebene Ergebnis einer Folge von Diskussionsrunden, zu denen sich die vier dem Liberalismus verpflichteten Autoren zusammengefunden haben. Aus Konjunktur- und Strukturkrise ist eine allgemeine Gesellschaftskrise geworden, deren Kern "eine Identitätskrise des Menschen in der Wirtschaftsgesellschaft" ist. An dem Leitseil dieser These tasten sich die Autoren an das in der Tat bestehende und nun immer spürbarer werdende menschliche Dilemma der Marktwirtschaft heran. Sie hat uns einen hohen materiellen Wohlstand gebracht. Sie hat aber auch durch die von dem systemkonformen Streben nach Leistung und immer mehr Leistung ausgelösten Mechanismen die Menschen voneinander isoliert.

Marx fabrizierte daraus unter dem Stichwort "Entfremdung" den Sprengsatz seiner revolutionären Theorie, deren Ergebnis, in die Praxis umgesetzt, die Entfremdung total machte. Die vier liberalen Autoren plädieren dafür, die Lösung des Entfremdungsproblems nicht allein den Marxisten und ihren Geistesverwandten zu überlassen: "Es wäre wohl wirklich an der Zeit, wenn auch die Liberalen dies zur Kenntnis nehmen würden."

Es spricht für den Realitätssinn der Autoren, daß sie bei ihren Überlegungen davon ausgehen, daß in einer arbeitsteiligen Wirtschaft Entfremdungserscheinungen in Kauf genommen werden müssen. Auch wohlfahrtstaatliche Eingriffe des Staates im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit schaffen nur neue Arten der Entfremdung. "Wer aus den Zwängen des Marktes genommen wurde, verlor sich nicht selten in den Netzen der staatlichen Apparate." Da sich schließlich auch die "alternativen Anläufe jener, die meinen, man könne überhaupt auf Markt und Staat verzichten und so jeder Entfremdung entfliehen, als ein Traum erwiesen haben", bleibt nur die "Hoffnung, daß es möglich ist, in und neben den sekundären Systemen des Staates und der Wirtschaft soziale Räume zu schaffen, wo der Mensch dem Menschen unmittelbar begegnen kann, er also nicht entfremdet ist, wo er die anderweitig von Entfremdung verursachten Wunden heilen kann".

Flucht also in die Familie, Nachbarschaft, überschaubare Gruppe, in die Privatheit. Es läßt sich darüber streiten, ob das schon die der Schwere des Problems angemessene Lösung ist. Wahrscheinlich ist es gar nicht lösbar, ohne Wohlstandseinbußen zugunsten von menschlichen Gewinnen hinzunehmen. Aber es sind auch nicht die Antworten, die gegeben, sondern die Fragen, die gestellt werden, die dieses Buch zu einer anregenden Lektüre machen. Viel Inhalt auf wenig Papier und darum für wenig Geld. W. K.