Von Denis Healey

Unter den günstigsten Bedingungen ist internationale Wirtschaftsdiplomatie mit dem Rudern eines Bootes durch kalten Sirup zu vergleichen. In einer Rezession kann der Sirup leicht zu Eis werden. Die notwendigen außenwirtschaftlichen Kompromisse in der Finanz-, Geld- oder Handelspolitik sind besonders schwierig zu erzielen, wenn es bequem ist, in Ausländern geeignete Sündenböcke für steigende inländische Arbeitslosigkeit zu sehen. Die Glaubenslehre des Monetarismus ist in vielen Ländern ein zusätzliches Hindernis.

Die meisten Beobachter mit praktischer Erfahrung in Konjunktursteuerung stimmen sicher der Diagnose Helmut Schmidts (ZEIT Nr. 9) zu neunzig Prozent prinzipiell zu und unterstützen seinen Appell für eine gemeinsame Reflationspolitik. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß die wichtigsten westlichen Regierungen sich zu ihr bekennen, ist momentan sehr gering – und schon gar nicht in Williamsburg. Der Gipfel dort wird sich in unorganisierten Kamingesprächen erschöpfen, und er wird wohl kaum mehr als eine fromme Verdammung der Handelsbeschränkungen bringen, die alle Beteiligten praktizieren.

Helmut Schmidt verlangt von der westlichen Welt, dem Urteilsvermögen des amerikanischen Präsidenten zu vertrauen, da sie schließlich keine Führungsalternative hat. Aber von den Qualitäten des gegenwärtigen Amtsinhabers abgesehen, gibt es jetzt sowohl in den USA selbst als auch außerhalb weitverbreitete Zweifel, ob die Verfahren der Präsidentenwahl kombiniert mit einer Verfassung, die zwischen Kongreß und Weißem Haus regelmäßig eine Patt-Situation erzeugt, soweit verläßlich sind, daß Amerika auch in Zukunft die Rolle der Führungsmacht übernehmen kann, die es im Jahrzehnt nach 1945 innehatte.

Nostalgie für das goldene Vierteljahrhundert, in dem uns die Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit starkes Wachstum, hohe Beschäftigungsraten und niedrige Inflation bescherte, kann uns leicht den Blick dafür trüben, daß die neuen internationalen Regeln und Institutionen entstanden, nachdem das frühere Wirtschaftssystem in Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg zusammengebrochen war.

Die Architekten dieser neuen Ordnung waren Persönlichkeiten aus den USA, Großbritannien und Frankreich, die in Washington zusammengearbeitet hatten, um den Krieg zu gewinnen und die entschlossen waren, die wirtschaftlichen Fehler nicht zu wiederholen, die den Krieg mit herbeigeführt hatten. Ihre heutigen Nachfolger wissen von ihren traumatischen Erinnerungen nichts mehr. Können die Regierungen von heute aus ihrer starren Selbstgefälligkeit aufgerüttelt werden, ohne daß ein ähnlicher totaler Zusammenbruch des bestehenden Systems vorausgeht?

Einer der wenigen Gründe für Optimismus ist die Möglichkeit, daß durch die Weltrezession die Macht der Schwachen gestärkt wird, die Starken zu beeinflussen. Das war doch ein Hauptmangel der Nachkriegs-Wirtschaftsordnung, besonders soweit sie den Internationalen Währungsfonds (IWF) betrifft: Obwohl die Starken den Schwachen als Gegenleistung für Hilfe leicht schmerzvolle Anpassungsprogramme aufzwingen konnten, hatten die Schwachen keine Möglichkeit, den Starken die entsprechende Verantwortung aufzuzwingen, ihre Wirtschaft durch höhere binnen- und außenwirtschaftliche Defizite anzukurbeln. Die Starken neigten vielmehr zu der Argumentation, daß jedes Land einen Zahlungsbilanzüberschuß und eine starke Währung haben sollte, obwohl dies offensichtlich ein logischer und praktischer Trugschluß war.