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Die IGA in München – ein Disneyland der Gartenbaukunst

Von Anna von Münchhausen

Zehn Meter vor dem Haupteingang Hansastraße, dort wo die vielen Fahnen für die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) um die Wette knattern, bleibt das Ehepaar vor einem Blau-Uniformierten stehen. "Ja", sagt der Mann, "aber die haben wir doch erst vor einer halben Stunde gekauft, die Eintrittskarten." Und jetzt – ungültig, bloß weil er, anders als die Planer planten, zuerst die Blumen in den beiden Messehallen besuchte und nun die im Freien sehen will?

Hilflosigkeit mal drei: Beim Mann mit dem feinen Münchner Kindl auf der Brust, weil ihm befohlen wurde, zu jedem der erwarteten zehn Millionen Gäste freundlich zu sein. Und sein Gegenüber will nicht glauben, daß man sich im Geschling der Superschau so schnell verfangen kann. Das Ticket hat keinen Datumsaufdruck, und IGA-Land ist zwar 72 Hektar groß, erstreckt sich jedoch nicht über das Gebiet zwischen Messe und Eingang. Mit einem "Na, geht’s halt weiter" löst sich der Konflikt zwischen Gutgläubigkeit und Mißtrauen.

Von hohem Informationswert

Da sind sie nun, die Gäste, die die IGA als "heiteres Fest" erleben sollen. Am 1. Mai kommen vor allem die Münchner selbst, um sich ein Bild von der neuen Attraktion im Westen ihrer Stadt zu machen. Zögernd der Schritt, suchend der Blick – im Englischen Garten oder im Nymphenburger Schloßpark kennen sie sich aus, aber hier ist nichts vertraut. Wohin zuerst? Zum Gärtnermarkt oder zum Gehölzlehrpfad, zur Seebühne, zur Grab-Bepflanzung oder vielleicht zu den Kußröschen?

"Guck mal", sagt der Großvater zur Enkelin, "so viel schöne Blumen auf einmal hast du noch nie gesehen." Die Erwartung "Blütenmeer" erfüllt die grüne Parade, wie alle Gartenschauen, gewissenhaft und auf Anhieb, jahreszeitengerecht: Die Tulpen stehen stramm, umgeben von Polstern blauer Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen in allen Schattierungen zwischen perlweiß und pflaumenviolett.

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Eine künstliche Moränenlandschaft mit sanften Hügeln, Tälern, Brücken, eingespiegelten Seen, manikürten Rasenflächen und Rabatten nimmt die Menge auf – 170 000 sind an diesem Sonntag gekommen. Das meldet die Pressestelle am Tag darauf, und der IGA-Geschäftsführer Professor Detlef Marx bürgt persönlich für die Zahl.

Vorzeigbare Superlative braucht er jetzt, denn bislang war sein Name meist mit IGA-Ärger verbunden. Vor sechs Jahren bewarb sich München um die Ausstellung, die feinste aller Gartenschauen, die nur alle zehn Jahre und bis dato stets in Hamburg geblüht hatte. Doch zunächst drohten Pannen, Mißgunst und Kuriositäten alle Blütenträume wie ein hartnäckiger Bodendecker zu ersticken: Mitarbeiter kündigten dutzendweise ("I geh aa!"), Planer stiegen aus, die Kosten schossen ins Kraut (von ursprünglich kalkulierten 45 auf 225 Millionen Mark), und die als Ordnungshüter bestellten "schwarzen Sheriffs" wollten ihre Colts nicht ablegen.

Aber dann kam doch endlich der Bundespräsident, fand beim Rundgang alles großartig und sprach vom Geben und Nehmen zwischen Mensch und Natur. Detlef Marx schärfte allen Multiplikatoren noch einmal ein, daß "der Informationswert der IGA höher ist als der Geldwert der Eintrittskarte" – dies war die vorerst letzte Variante zahlloser Kosten-Nutzen-Relationen der IGA-Ideologie. Dabei ist es doch ganz einfach: Das "Garteln" ist eine von den schönsten Wachstumsraten umrankte Industrie, für Blumen, Pflanzen und Gartenbedarf haben die Bundesbürger 1980 nicht weniger als acht Milliarden Mark ausgegeben. Der Zentralverband Gartenbau, offizieller Veranstalter, weiß, was eine IGA wert ist.

Ja, es kommen viele, die Bescheid wissen. "Schau an", sagt die kundige Gärtnerin am Seeufer, "die Wasserlilien haben sie in Körben in den Teich gesetzt." Pause. "Meine sind fetter."

Den grünen Wettbewerb lernt der Besucher auch beim Blick über den Maschendrahtzaun der Kleingartenanlage kennen. Vor drei Jahren noch eine Schrebergarten-Kolonie wie andere auch – improvisiert, individuell, herzig. Jetzt, nachdem die IGA-GmbH den Kleingärtnern zum Tausch alt gegen neu verholfen hat, regiert gelackte Laubenkonfektion, vom weißgestrichenen Kassettenzaun bis zur Dachpappe in Schindel-Imitat und einheitlicher Kompostierungsanlage. "Freilich haben manche aufgegeben damals", erzählt der Pächter von Nummer 28, "schließlich war’s ja auch zwei Jahre nix mit dem Garten." Sein Blick wandert wohlgefällig über Perlhyazinthen und Apfelbäumchen, die nagelneue Schubkarre und den Torfsack (auch beim Nachbarn steht "Plantahum", biologisch belebt und vorgedüngt). "Wir haben nur einen Fragebogen ausfüllen müssen, die Planung hat dann der Dr. Leipacher besorgt, damit auch alles zusammenpaßt." Es paßt.

Alles gleich? Nicht ganz – bei Nr. 28 gibt es Schweinebraten, nebenan gefüllte Paprika zu Mittag. Vom Tor blickt ein gebleichter Rinderschädel herab, eine ferne Ahnung vom wilden Leben in der Prärie.

Für Wildes ist kein Platz. IGA-Land will heiter sein, auch Bedrohliches stört da nur. Zu sehen ist Natur unter dem Glassturz. Draußen bleiben umgekippte Gewässer, saurer Regen, zersiedelte Landschaft und auch das gefährdete Altmühltal 90 Kilometer weiter nördlich. Aber weil "naturnah" so aktuell ist, wird Entsprechendes gern mit antergemischt. Zu sehen ist eine "naturnahe Wiese mit Spontanvegetation", die eine Artenvielfalt zeigt, die sich – der Katalog verfällt bei der Beschreibung in den Conjunctivus irrealis – bei Verzicht auf Dünger einstellen würde. Oder auch das perfekte Feuchtgebiet beim Pavillon des bayerischen Umweltministeriums. Weil derlei "von selbst" hier kaum gedeihen könnte, mußte die Bodensenkung erst einmal abgedichtet werden, um dann die importierten Streuwiesen, Tümpel und Bachuferfluren aufpropfen zu können. "Kaum zu glauben, daß er künstlich angelegt wurde", lobt der Katalog den Wasserlauf im Farntal.

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China ist der Favorit

Für die grüne Mulde zwischen Hansa- und Westendstraße sind zwei Millionen Kubikmeter Erde bewegt worden. Der Aufwand war nötig, gehörte die Gegend doch vorher der Unwirtlichkeit der Städte – zerstückeltes Un-Land zwischen Bahngleisen, vierspurigen Ausfallstraßen und eingestreuten Gewerbebetrieben. Wo jetzt 6000 Bäume Wurzeln schlagen, gab es vorher ein knappes Dutzend, und wenn es trotz 100 000 eingesetzter Sträucher partout nicht grünen wollte, flickte es schnell Rollrasen vom Meter.

"Was fehlt nur", überlegte die alte Dame. "Soviel Mühe haben sie sich gegeben. Jeder Baum soll ja 2000 Mark gekostet haben." Erst abends beim Einschlafen fiel ihr ein, was sie vermißte: Vögel. Keine Amseln, keine Meisen, kein Zwitschern. In den Ulmen hängen Starenkästen – leer.

Dafür quietscht die Bockerlbahn. Für sieben Mark läßt sich manch langer Fußweg sparen. Sechs Fahrgäste teilen sich ein enges Abteil, und an den Haltepunkten erwartet sie Hektik wie zur Rush hour: "Rote Fahrkarten werden hier ungültig. Nach links aussteigen!" Ein durchdringender Schrei: "Mutter, schnöll!"

Die vielen anderen schieben auf breiten, teilweise asphaltierten Wegen ihrem Ziel entgegen. Ein Trecker teilt die Menge, hinten im Tank schwappt "Chemo". Schultern und Köpfe wiegen im Freizeittakt, Kinderwagen und Video-Kamera sind mit dabei. "Da hinten muß Thailand liegen."

Die "Themengärten" sind der Renner und machen die IGA erst richtig international. 23 Länder haben mitgespielt beim Disneyland der Gartens kunst, und schon vorab wurde der chinesische Gärten zum Favoriten erklärt. Die fernöstliche Philosophie gibt ja auch viel her – der Garten als Sinnbild des Lebens, Jahreszeiten auf engstem Raum, Fels und Wasser, Bambus, Federgras und Lotosblüte, ein perfektes Styling bis zu den Lackmöbeln auf rotem Teppich hinter der Absperrkordel. Die "wohlriechende Blüte des Himmels", so der poetische Name, ist überfüllt. Wer die Augen schließt, vernimmt scharrende Füße auf Kies, Murmeln, hört den kleinen Wasserfall drüben bei den runden Steinen – und immer wieder das satte Klicken der Kameras mit anschließendem Spannen.

Ein paar Schritte weiter liegt Nepal, dank deutscher Effizienz, wurde doch die handgeschnitzte Pagode mit Mercedes-Lastern über das Gebirge transportiert, wie eine kleine Tafel bescheiden vermerkt. Direkt vor dem thailändischen Tempel, mit viel Gold und buntglasierten Ziegeln ein wahr rer Augenfänger, sitzen die beiden, Mitte Sechzig vielleicht. "Mei", sagt sie, "solche Pracht." Er wickelt behutsam zwei Eistüten aus dem Papier, reicht ihr eine. Sie hält das Papiertaschentuch schon parat. "Und nun", nickt sie ihm zu, ganz feierlich, "einen guten Appetit."

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Um 13 Uhr 55 verschwindet die Sonne, und dann übernimmt wirklich die Natur die Regie. Ganz schnell zieht sie den Himmel zu einem Stahlblau zusammen. Es tröpfelt, zaghaft zuerst. Zehn Minuten später dann entschiedener. Das erste Mai-Gewitter grantelt los, macht die träge Menge zu Rennenden. Schirme springen auf, Hüte, Taschen, Tüten verstecken die Köpfe. Das Schindeldach vom Bayerwaldhaus kann die Schutzsuchenden kaum fassen. Ungarn, Schweden, Holland, alles voll. Den verblühenden Narzissen fegt eine Boe die Blütenköpfe weg, hinaus auf die gekräuselte Wasserfläche. Menschenleer die ganze Kunstlandschaft.

Im weißen Zelt des "Forums" haben eigentlich nur 1200 Zuschauer Platz, und die Vorstellung des Männerchors "Isobe Toshi" aus Tokio hat auch schon begonnen. Alle 28 Sänger tragen schwarze Fliege zum weißen Dinnerjacket. Die Dolmetscherin kündigt eine Programmänderung an, es folgt "Der Mond über der Ruine". Der Mond geht auf, aber von hinten drängen immer mehr Nasse in den schmalen Gang zwischen den Tribünen. Ein IGA-Ordner kennt seine Vorschriften: "Haltet’s bloß den Fluchtweg frei!"

Ein Mann will hinaus, fuchtelt mit den Armen den Hereinströmenden entgegen. Draußen holt er tief Luft. Der Regen hat nachgelassen. "Nein", sagt er, "war des greislich."