Eine künstliche Moränenlandschaft mit sanften Hügeln, Tälern, Brücken, eingespiegelten Seen, manikürten Rasenflächen und Rabatten nimmt die Menge auf – 170 000 sind an diesem Sonntag gekommen. Das meldet die Pressestelle am Tag darauf, und der IGA-Geschäftsführer Professor Detlef Marx bürgt persönlich für die Zahl.

Vorzeigbare Superlative braucht er jetzt, denn bislang war sein Name meist mit IGA-Ärger verbunden. Vor sechs Jahren bewarb sich München um die Ausstellung, die feinste aller Gartenschauen, die nur alle zehn Jahre und bis dato stets in Hamburg geblüht hatte. Doch zunächst drohten Pannen, Mißgunst und Kuriositäten alle Blütenträume wie ein hartnäckiger Bodendecker zu ersticken: Mitarbeiter kündigten dutzendweise ("I geh aa!"), Planer stiegen aus, die Kosten schossen ins Kraut (von ursprünglich kalkulierten 45 auf 225 Millionen Mark), und die als Ordnungshüter bestellten "schwarzen Sheriffs" wollten ihre Colts nicht ablegen.

Aber dann kam doch endlich der Bundespräsident, fand beim Rundgang alles großartig und sprach vom Geben und Nehmen zwischen Mensch und Natur. Detlef Marx schärfte allen Multiplikatoren noch einmal ein, daß "der Informationswert der IGA höher ist als der Geldwert der Eintrittskarte" – dies war die vorerst letzte Variante zahlloser Kosten-Nutzen-Relationen der IGA-Ideologie. Dabei ist es doch ganz einfach: Das "Garteln" ist eine von den schönsten Wachstumsraten umrankte Industrie, für Blumen, Pflanzen und Gartenbedarf haben die Bundesbürger 1980 nicht weniger als acht Milliarden Mark ausgegeben. Der Zentralverband Gartenbau, offizieller Veranstalter, weiß, was eine IGA wert ist.

Ja, es kommen viele, die Bescheid wissen. "Schau an", sagt die kundige Gärtnerin am Seeufer, "die Wasserlilien haben sie in Körben in den Teich gesetzt." Pause. "Meine sind fetter."

Den grünen Wettbewerb lernt der Besucher auch beim Blick über den Maschendrahtzaun der Kleingartenanlage kennen. Vor drei Jahren noch eine Schrebergarten-Kolonie wie andere auch – improvisiert, individuell, herzig. Jetzt, nachdem die IGA-GmbH den Kleingärtnern zum Tausch alt gegen neu verholfen hat, regiert gelackte Laubenkonfektion, vom weißgestrichenen Kassettenzaun bis zur Dachpappe in Schindel-Imitat und einheitlicher Kompostierungsanlage. "Freilich haben manche aufgegeben damals", erzählt der Pächter von Nummer 28, "schließlich war’s ja auch zwei Jahre nix mit dem Garten." Sein Blick wandert wohlgefällig über Perlhyazinthen und Apfelbäumchen, die nagelneue Schubkarre und den Torfsack (auch beim Nachbarn steht "Plantahum", biologisch belebt und vorgedüngt). "Wir haben nur einen Fragebogen ausfüllen müssen, die Planung hat dann der Dr. Leipacher besorgt, damit auch alles zusammenpaßt." Es paßt.

Alles gleich? Nicht ganz – bei Nr. 28 gibt es Schweinebraten, nebenan gefüllte Paprika zu Mittag. Vom Tor blickt ein gebleichter Rinderschädel herab, eine ferne Ahnung vom wilden Leben in der Prärie.

Für Wildes ist kein Platz. IGA-Land will heiter sein, auch Bedrohliches stört da nur. Zu sehen ist Natur unter dem Glassturz. Draußen bleiben umgekippte Gewässer, saurer Regen, zersiedelte Landschaft und auch das gefährdete Altmühltal 90 Kilometer weiter nördlich. Aber weil "naturnah" so aktuell ist, wird Entsprechendes gern mit antergemischt. Zu sehen ist eine "naturnahe Wiese mit Spontanvegetation", die eine Artenvielfalt zeigt, die sich – der Katalog verfällt bei der Beschreibung in den Conjunctivus irrealis – bei Verzicht auf Dünger einstellen würde. Oder auch das perfekte Feuchtgebiet beim Pavillon des bayerischen Umweltministeriums. Weil derlei "von selbst" hier kaum gedeihen könnte, mußte die Bodensenkung erst einmal abgedichtet werden, um dann die importierten Streuwiesen, Tümpel und Bachuferfluren aufpropfen zu können. "Kaum zu glauben, daß er künstlich angelegt wurde", lobt der Katalog den Wasserlauf im Farntal.