China ist der Favorit

Für die grüne Mulde zwischen Hansa- und Westendstraße sind zwei Millionen Kubikmeter Erde bewegt worden. Der Aufwand war nötig, gehörte die Gegend doch vorher der Unwirtlichkeit der Städte – zerstückeltes Un-Land zwischen Bahngleisen, vierspurigen Ausfallstraßen und eingestreuten Gewerbebetrieben. Wo jetzt 6000 Bäume Wurzeln schlagen, gab es vorher ein knappes Dutzend, und wenn es trotz 100 000 eingesetzter Sträucher partout nicht grünen wollte, flickte es schnell Rollrasen vom Meter.

"Was fehlt nur", überlegte die alte Dame. "Soviel Mühe haben sie sich gegeben. Jeder Baum soll ja 2000 Mark gekostet haben." Erst abends beim Einschlafen fiel ihr ein, was sie vermißte: Vögel. Keine Amseln, keine Meisen, kein Zwitschern. In den Ulmen hängen Starenkästen – leer.

Dafür quietscht die Bockerlbahn. Für sieben Mark läßt sich manch langer Fußweg sparen. Sechs Fahrgäste teilen sich ein enges Abteil, und an den Haltepunkten erwartet sie Hektik wie zur Rush hour: "Rote Fahrkarten werden hier ungültig. Nach links aussteigen!" Ein durchdringender Schrei: "Mutter, schnöll!"

Die vielen anderen schieben auf breiten, teilweise asphaltierten Wegen ihrem Ziel entgegen. Ein Trecker teilt die Menge, hinten im Tank schwappt "Chemo". Schultern und Köpfe wiegen im Freizeittakt, Kinderwagen und Video-Kamera sind mit dabei. "Da hinten muß Thailand liegen."

Die "Themengärten" sind der Renner und machen die IGA erst richtig international. 23 Länder haben mitgespielt beim Disneyland der Gartens kunst, und schon vorab wurde der chinesische Gärten zum Favoriten erklärt. Die fernöstliche Philosophie gibt ja auch viel her – der Garten als Sinnbild des Lebens, Jahreszeiten auf engstem Raum, Fels und Wasser, Bambus, Federgras und Lotosblüte, ein perfektes Styling bis zu den Lackmöbeln auf rotem Teppich hinter der Absperrkordel. Die "wohlriechende Blüte des Himmels", so der poetische Name, ist überfüllt. Wer die Augen schließt, vernimmt scharrende Füße auf Kies, Murmeln, hört den kleinen Wasserfall drüben bei den runden Steinen – und immer wieder das satte Klicken der Kameras mit anschließendem Spannen.

Ein paar Schritte weiter liegt Nepal, dank deutscher Effizienz, wurde doch die handgeschnitzte Pagode mit Mercedes-Lastern über das Gebirge transportiert, wie eine kleine Tafel bescheiden vermerkt. Direkt vor dem thailändischen Tempel, mit viel Gold und buntglasierten Ziegeln ein wahr rer Augenfänger, sitzen die beiden, Mitte Sechzig vielleicht. "Mei", sagt sie, "solche Pracht." Er wickelt behutsam zwei Eistüten aus dem Papier, reicht ihr eine. Sie hält das Papiertaschentuch schon parat. "Und nun", nickt sie ihm zu, ganz feierlich, "einen guten Appetit."