Wer seine Existenzberechtigung vor allem daraus ableitet, für die ausgebeuteten Massen der Lohnabhängigen zu kämpfen, kann über eine Untersuchung nicht sehr glücklich sein, in der der Nachweis versucht wird, daß die große Mehrzahl der eigenen Klientel der staatlichen und gewerkschaftlichen Fürsorge eigentlich längst entwachsen ist.

Natürlich kann es niemand Gewerkschaftern verwehren, aus den von Meinhard Miegel vorgelegten Untersuchungen andere Schlußfolgerungen zu ziehen, als dies der Autor getan hat. Statistiken lassen sich bekanntlich in vielerlei Weise interpretieren. Es läßt sich auch immer argumentieren, die vorgelegten Zahlen seien unvollständig, falsch gegliedert oder irrelevant.

Nicht zulässig ist dagegen, eine Untersuchung durch unzutreffende Behauptungen zu disqualifizieren. Die beiden Autoren aus dem Hause des Deutschen Gewerkschaftsbundes – Hans-Jürgen Arlt und Hans-Joachim Kreimer – haben dieser Versuchung leider nicht widerstehen können.

So steht beispielsweise in der Analyse über Einkommen und Vermögen der privaten Haushalte in der Bundesrepublik mit keinem Wort, daß der Sozialstaat überflüssig sei. Es wird vielmehr dafür plädiert, die Hilfe nicht in die falschen Kanäle zu leiten. Sie müsse stärker als bisher denen zugute kommen, die staatliche Unterstützung auch heute noch wirklich brauchen.

Ob eine gesetzlich garantierte Altersversorgung Vermögenswerte Ansprüche darstellt oder nicht, darüber läßt sich gewiß trefflich streiten. Ebenso kann man verschiedener Ansicht darüber sein, ob es dem einzelnen Arbeitnehmer heute nicht freigestellt werden sollte, für eine begrenzte Zeit der Arbeitslosigkeit oder kleinere Krankheitskosten selber aufzukommen und dafür weniger Beiträge zu zahlen. Das ist eine Frage der Weltanschauung.

Nicht streiten läßt sich aber darüber, daß die beiden Kritiker eine tragende Säule in Miegels Rechnung dadurch zum Einsturz zu bringen versuchen, daß sie ihm eine unlautere Kalkulation unterstellen. Denn entgegen ihrer Behauptung wurde vom Grundvermögen die Belastung durch Hypotheken abgezogen. Es handelt sich also – ebenso wie bei allen anderen Vermögensarten – um Nettowerte.

Damit bricht nun umgekehrt eine der tragenden Säulen in der Polemik der beiden Kritiker zusammen.

Statt krampfhaft danach zu suchen, wie sich die Ergebnisse der Studie von Miegel entwerten lassen, sollten die Gewerkschaften lieber darüber nachdenken, ob sich nicht ihre Rolle in einem der wohlhabendsten Länder der Welt verändern muß. Je länger sie an der Fiktion festhalten, für eine am Rande des Existenzminimums lebende Arbeitnehmerschaft zu kämpfen, und je länger sie die Realitäten unserer Gesellschaft zu leugnen versuchen, um so größer wird die Gefahr, daß sie sich selber ins historische Abseits manövrieren. Michael Jungblut