Musiktheater: "itzo-hux" von Hans-Joachim Hespos

Von Heinz Josef Herbort

Auf der Vorderseite des Text- und Programmheftes leistet er sich etwas für ihn Seltenes: Er lächelt. Aber zuvor hat er sich beide Brillengläser beklebt mit einem Miniposter zur Uraufführung seines neuesten Stücks. Der Schluß ist so gefährlich, wie er naheliegt: Wer nichts sieht, kann lächeln – aber auch: Wer lächelt, sieht nichts. Eine solche Dialektik aber ist symptomatisch für den Komponisten Hans-Joachim Hespos.

Das ist die Regel, wenn ein deutsches Stadt- oder Staatstheater jubiliert: Gala-Abend mit zwei, drei, vier Starinterpreten, mit bester Garderobe voll besetztes Haus bei Wagner oder Mozart, Beethovens "Fidelio" oder dem "Rosenkavalier" von Strauss. Auch Oldenburg gönnte sich, als sein ehemaliges Hof, dann Landes-, heute Staatstheater in die Jahre, in die hundertfünfzig kam, seine Gala – indem es das Stück ausgrub, mit dem das Haus 1833 eröffnet wurde, "Der Schnee" von Auber. Aber wo schon 1929 Johannes Schüler, gut drei Jahre nach der Berliner Uraufführung, Bergs "Wozzeck" durchsetzte und damit das Stück vom Odium befreite, abseits der großen Spitzentheater unaufführbar zu sein, wo man inzwischen auch Dallapiccola und Henze spielte, Klebe und Kirchners "Trauung", gab man sich jetzt einen zusätzlichen Ruck und erteilte einen Auftrag ausgerechnet an den Komponisten, dem dank seiner radikalen Ästhetik bei Hörern wie (in ersten Reaktionen) bei den Musikern genau das entgegenschlägt, was er selber in seinem Arbeiten propagiert und interpretiert: die Verweigerung.

"itzo-hux" wird im Untertitel bezeichnet als "satirisches Opernspektakel", und in der Tat hat Hespos hier im Schillerschen Sinne den "Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal zum Gegenstand gemacht". Welcher Wirklichkeit?

Für Aldous Huxley war wissenschaftliche Forschung in weiten Bereichen, vor allem den naturwissenschaftlichen und medizinischen, rigoros auf sich selber bezogen, sah mit verengtem Blick nur ihr kleines Ziel, kümmerte sich wenig um die Folgen ihres Tuns ist mit einem Wort menschenverachtend, Auf seinen Roman "After Many a Um-– Nach vielen Sommern" greift das Libretto (Peter Wagenbreth) zurück, formuliert aber keine Dialoge mehr, baut kaum noch Handlungsgerüste für Szenen, sondern läßt alles ins Fragmentarische aufbrechen: Wortfetzen statt Sätze, Gesten statt Aktionen, Zustände statt Abläufe. Von allem: die Ausdrucksformen dieser menschlichen Existenzen und ihre Artikulationen sind nach Möglichkeit in ihre jeweiligen Extreme gedehnt – Schreien und Flüstern in überspannten Tempi, als schleppendes, kaum mehr zusammenhängendes Nacheinander von getrennten Silben oder als hektisch sich überstürzender Schwall von mehr oder minder verfremdeten Lauten; Ekstasen des Glücks und gewissermaßen erbrochene Äußerungen einer kaum mehr lebensfähigen Kreatur; Instrumentalklänge aus den gerade noch erreichbaren Randbereichen, den untersten oder obersten Interventionspunkten, wo das Gerät und seine physikalischen Gegebenheiten sich dem Tönen versagen – und damit die Bedingungen seiner Effektivität zugleich vorführen und in Frage stellen.