Von Joseph Huber

Adam Heinrich Müller (1779-1829) war einer der ersten Nationalökonomen Deutschlands. Ob er "der größte deutsche Volkswirt" ist, muß bezweifelt werden. Jedoch hat er sicherlich mehr geleistet, als die Nachwelt ihm zum Andenken wahrt:

Adam Müller: "Nationalökonomische Schriften"; ausgewählt und eingeleitet von Albert Josef Klein; Verlag Albert Kern, Lörrach 1983; 512 Seiten, DM 38,–.

Es ist dies nicht der erste Versuch, Müllers Werk aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und nicht zufällig wiederholt er sich in der gegenwärtigen Krise. Es gab bereits eine Müller-Welle le in der Weimarer Krisenzeit, ausgelöst durch Othmar Spann und Jakob Baxa. Aber Müllers Werk selber ist schon eine Krisenreaktion gewesen.

Mit Friedrich Gentz, Heinrich von Kleist, Achim von Arnim und Friedrich Schlegel persönlich verbunden, ist Adam Müller eine Gestalt der deutschen Romantik und widersprüchlich wie diese: kritisch gegenüber der industriellen Revolution und der mit ihr die Oberhand gewinnenden Kapitallogik – erschütternd unkritisch im Staatsglauben und in der Bejahung klerikaler Obrigkeit.

Die Nationalökonomie Adam Smiths war ihm die Autorität, an der er sich abarbeitete. Der Utilitarismus und die angeblich gemeinnützige "unsichtbare Hand" des Marktes erschienen ihm lediglich als Ausdruck für "den Leichtsinn und die Begehrlichkeit des Jahrhunderts, daß alles Vorhandene verkäuflich sein solle". Seine eigenen Auffassungen enthalten bereits viele Motive der sozialistischen Marktkritik und fast alle Motive der ökologischen Industriekritik. Seine Ausführungen über Geld und Kredit – nach dem romantisch-biologistischen Ansatz: Geld = Blut des Wirtschaftsorganismus – sind beachtlich. Seine "Lehre vom Gegensatz" (1804) beeinflußte Hegel. Ebenso findet sich bei Müller schon eine zusammenhängende und zutreffende Überproduktions- und Unterkonsumtionstheorie der Marktkrisen.

Aus ihr folgert er, dem Markt seien durch staatliche Regelung Grenzen zu stecken und Ziele zu setzen. Anstelle der Verengung auf Wirtschaft und Gelderwerb fordert er Ganzheitlichkeit und Wertorientierung. Er problematisiert den "Streit zwischen Glück und Industrie": Nicht vom Preis der Dinge dürfe man sich fehlleiten lassen, sondern an ihren Wert müsse man sich halten – eines der romantischen Motive, das in den Marxismus eingegangen ist. Dem kapitalistischen Kapitalbestellt er trotzig den "wahren" Begriff des Kapitals entgegen. Dieser meint die frevelhafte Geldanhäufung zuletzt, zuerst aber den Fundus, von dem wir alle leben: Gott, die Natur, uns Menschen und unsere Kultur. Sein Kapitalbegriff meint also das "Patrimonium", unsere natürliche und soziale "Umwelt". Ihr gelte es zu dienen (Arbeit = Dienst), um sie zu erhalten und weiterzugeben.