Der Kompromiß im öffentlichen Dienst muß beiden Seiten erlauben, das Gesicht zu wahren

Der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) war die Sache nicht geheuer: "Man kann sich noch nicht vorstellen, wie diese Frau beim alljährlichen Tarifpoker im öffentlichen Dienst ihren Mann stehen wird", schrieb ihr Korrespondent im Oktober vergangenen Jahres nach der Wahl von Monika Wulf-Mathies zur neuen Vorsitzenden der ÖTV.

Heute bedarf es der Vorstellungskraft nicht mehr. Monika Wulf-Mathies hat in den letzten Wochen gezeigt, daß sie durchaus ihren Mann steht.

Dabei wird ihr der Einstieg wahrlich nicht besonders leichtgemacht. Schließlich sind viele Gewerkschafter nicht weniger konservativ als die Blattmacher aus Frankfurt. Frau zu sein, Aufsteiger in jungen Jahren und überdies noch Akademiker – das sind Handikaps, die eine Karriere in den Arbeitnehmerorganisationen nicht gerade fördern. Der knappe Wahlerfolg der Vierzigjährigen, die den Chefsessel fast im Handstreich eroberte, weckte denn auch Neid und Mißgunst in den eigenen Reihen.

Die ersten Monate im Amt hat Monika Wulf-Mathies mit Anstand überstanden. Spitzenfunktionäre im Deutschen Gewerkschaftsbund und Mitarbeiter im eigenen Haus bescheinigen ihr Fleiß, Argumentationskraft und angenehmen Führungsstil. Dennoch warten immer noch einige darauf, daß die Nachfolgerin des mächtigen Heinz Kluncker Fehler macht – zu den Skeptikern gehören Kollegen ebenso wie Tarifgegner und Öffentlichkeit.

Die Bewährungsprobe für jeden ÖTV-Chef sind ohnehin – jedes Jahr wieder – die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Für Monika Wulf-Mathies gilt dies in doppeltem Sinn. Denn mehr als ihre Vorgänger muß sie sich an dem Ergebnis dieser Tarifrunde messen lassen. Und ihre Taktik muß nach beiden Seiten hin stimmen – nach innen wie nach außen.

Einen Teilsieg immerhin konnte die neue Chefin in der letzten Woche für sich verbuchen. Allen Unkenrufen über die mangelnde Einsatzbereitschaft der Basis zum Trotz, war die Beteiligung der Mitglieder an den Protestaktionen gegen das Zwei-Prozent-Angebot der Arbeitgeber – bei vier vorgeschalteten Nullmonaten – unerwartet groß. Mehr als dreihunderttausend Beschäftigte des öffentlichen Dienstes legten in der vergangenen Woche kurzfristig die Arbeit nieder, um die Arbeitgeber endlich zu einem verhandlungsfähigen Angebot zu bewegen.