Zwei Kapitel deutscher Museumsgeschichte hat Alfred Hentzen mitgestaltet: die Zeit vor 1933 und die Aufbauphase nach 1945. Er hatte das Glück, gleich nach der Promotion bei Wilhelm Pinder als Dreiundzwanzigjähriger an die Berliner Nationalgalerie berufen zu werden, wo er zusammen mit Ludwig Justi das legendäre Kronprinzenpalais einrichtete: das schönste Museum zeitgenössischer Kunst in der Weimarer Republik. Seine publizistische Arbeit konzentrierte sich auf die Zeitschrift „Museum der Gegenwart“, die er von 1930 bis 1933, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten leitete. Aber auch nach diesem Datum hat Hentzen sich unerschrocken und kompromißlos für die moderne Kunst eingesetzt, 1934 veröffentlichte er sein Buch „Deutsche Bildhauer der Gegenwart in dem alle wichtigen Künstler wie Lehmbruck und Barlach, Scharff und Marcks bis zu den jungen Nachwuchstalenten vertreten waren – nur keine Nazigrößen. Zwei Jahre später wurde das Buch verboten. Im Sommer 1937, als die Nationalsozialisten ihre Aktion gegen die „Entartete Kunst“ starteten, wurde Hentzen zusammen mit Eberhard Hanfstaengl „beurlaubt“, weil beide sich diesem beschämenden Unternehmen widersetzten.

Das zweite Kapitel: Hentzen übernimmt 1947, nach Krieg und Gefangenschaft, die Leitung der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Hier kann er an die Tradition des Kronprinzenpalais anknüpfen und die Kunst, die zwölf Jahre lang verfolgt und verboten war, neu in den Blick rücken. Die ersten Künstler, die er in Hannover ausstellt, sind Nolde, Picasso und Beckmann. 1955 wird Alfred Hentzen, als Nachfolger von Carl Georg Heise, Direktor der Hamburger Kunsthalle. Vierzehn Jahre bis zu seiner Pensionierung 1969 hat er sie geleitet. Und wenn man auf die Ära Hentzen zurückblickt, dann fallen einem zunächst einige spektakuläre Ausstellungen ein, allen voran die große Picasso-Schau von 1956, die erste in Deutschland, die damals noch einen ungeheuren, einen nicht mehr vorstellbaren Wirbel verursachte. Aber auch Jackson Pollock oder Alexander Calder hatten bei Hentzen ihre deutsche Premiere. Mit Besonnenheit und Energie hat er viel dazu beigetragen, die Pioniere, die Wegbereiter in der Kunst des 20. Jahrhunderts bei uns heimisch zu machen. Ebenso unverkennbar freilich ist auch seine kritische Haltung gegenüber modischen Trends – Hentzen ist sich seiner Sache viel zu sicher, um hinter der Avantgarde herzulaufen. So hat er sich etwa unter den deutschen Künstlern seiner Generation besonders für Werner Gilles und Rolf Nesch eingesetzt und über beide eine umfangreiche Monographie vorgelegt.

Vor allem aber: Hentzen ist immer ein pragmatischer Museumsmann gewesen. Er hat als einer der ersten in Deutschland begriffen, daß man sich beim Ausbau der Sammlungen nicht allein auf staatliche Hilfe verlassen kann, und bereits 1956 die „Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen“ gegründet, die inzwischen viele Millionen zum Ausbau der Museen aufgebracht hat. Bis heute ist er, zum Segen für alle Beteiligten, Geschäftsführer der „Stiftung“ geblieben. Auch dafür Dank und Glückwunsch an Alfred Hentzen, der am 12. Mai seinen 80. Geburtstag feierte. Gottfried Sello