Sein letztes größeres Werk, "Der Schattenfotograf", stand auf der Bestenliste des Südwestfunks: Wolfdietrich Schnurre, bekannt und zu rühmen als Autor kleiner, stets origineller, oft skurriler und an Tieferes rührender Erzählungen, hat sich jetzt erneut ans große Format gewagt, diesmal an ein Titel und Untertitel überschreitendes Thema

Wolfdietrich Schnurre: "Ein Unglücksfall", Roman; List Verlag, München, 1983; 446 S., 34,80 DM.

Das Buch ist als Roman schlecht bezeichnet. Denn das Thema ist die Judenverfolgung. Ort natürlich Berlin. Zeit: die ersten Jahre des "Dritten Reichs". So sehr nicht nur Ort und Zeit, sondern auch die Figuren auf den ersten Blick wie exemplarische Abstraktionen anmuten, so sind sie doch Zug um Zug ins Persönliche umgesetzt, was hier gleich viel bedeutet wie das Menschliche.

Die Hauptfiguren sind ein Glasermeister, der ein streng durchgehaltenes, aber (meistens ohne Anführungszeichen) gleichsam geläutertes Berlinisch spricht, wie es in solcher Virtuosität wohl nur dieser Autor zu schreiben imstande ist. Der andere ist ein Rabbiner, in dem der Glaser Goschnik seinen ehemaligen jüdischen Meister Avrom wiederzuerkennen glaubt. In Gang gesetzt werden diese Verwirrungen durch einen Unfall des Glasers. In den letzten Stunden vor seinem Tod hält er vor dem Rabbiner als seinem vermeintlichen Meister und väterlichen Freund ein großes Selbstgericht über sein Leben, das – wie es scheint – vor allem das Leben in den Jahren von etwa 1930 bis 1945 war. Was danach kam, zählt nicht viel. Denn darum geht es ihm und dem immer mehr sich in seine Rolle hineinlebenden Rabbiner: Wieviel wiegt die Menschlichkeit, die der einzelne auf die Waagschale legen kann, gegenüber der Unmenschlichkeit? Daß sie nie genug wiegt, nicht einmal soviel, um das Leben zweier Menschen – Avroms und seiner Frau Sally – zu retten – diese Erfahrung, die allgemeinste menschliche Erfahrung, tötet Goschnik, weil sie ihm zur persönlichen Schuld wird.

Beide, der tödlich verletzte Glaser und der im Innersten getroffene Rabbiner, der dem Kampf des Sterbenden um Rechtfertigung seinen Kampf um die Wahrheit entgegensetzen muß, geraten dabei in heillose Verwirrungen. Dies bewahrt das Geschehen, wo immer es die historisch gewordene Wirklichkeit streift, vor Abstraktion. Andererseits ist eben die Irritation, in die das Thema zwangsläufig führen muß, für uns Zeitgenossen, die nach einer Antwort auf das uns Unbegreifliche suchen, schmerzhaft. Christa Melchinger