Mit dem dienstältesten Dampfer durch die Ägäis

Von Christoph Wendt

Nach Rhodos kann man fliegen, direkt von Deutschland aus. Erst recht von Athen; nach 50 Minuten ist man dann auf der Insel der Rosen und der Kreuzritter. Man kann auch mit dem Schiff fahren. Jeden Mittag läuft einer der großen, weißen Dampfer von Piräus aus zur rund zwanzigstündigen Fahrt in den Dodekanes. Vielleicht hat man aber das Glück, daß man mit der "Elli" fahren kann. Dann weiß man nie, wann man ankommen wird. Denn die "Elli" ist das dienstälteste Schiff in der Ägäis und wohl das berühmteste. Berühmt für seine Verspätungen.

Wir haben dieses Glück, bekommen ein Ticket für die "Elli", klettern über Treppchen und durch enge Luken hinauf aufs Oberdeck und suchen uns einen Platz zwischen den meist jugendlichen Touristen, die sich da mit Ruck- und Schlafsäcken bereits niedergelassen haben.

In der Abfahrt ist die "Elli" immerhin pünktlich. Genau um 14 Uhr gleitet sie aus dem Hafenbecken hinaus und nimmt Kurs Südost. Die Sonne brennt, die ersten Touristen flüchten unter die wenigen Sonnensegel. In Badehose oder Bikini sucht man der so heiß ersehnten und doch so schnell wieder als lästig empfundenen Sonne das Beste abzugewinnen. Im Nachmittagsdunst ist Kap Sunion in der Ferne schwach zu erkennen, dann bleibt Attika, das griechische Festland, hinter uns.

Zwei Inseln tauchen als nackte Felsmassen aus dem Meer auf: Kea und Kythnos. Die "Elli" steuert zwischen ihnen durch. Dann wächst uns die massige Gestalt der Insel Syros aus dem Wasser entgegen. Kurz vor der Einfahrt zum Hafen Hermoupolis, bis Ende des 19. Jahrhunderts Griechenlands wichtigster Hafen, läßt die "Elli" die Sirene dreimal aufheulen. Von einer hoch in den Felsen gelegenen kleinen Kirche wird ein Willkommensgruß geläutet. Dann legt das Schiff am Kai der größten Kykladenstadt an.

Dichtgedrängt stehen die Menschen da, Reisende, die aufs Schiff wollen, Einheimische, die jemanden erwarten, Gepäckträger, der Hafenpolizist, "Inselmammies", die zimmersuchende Touristen ansprechen. Kaum verständlich, weil im Lautsprecher völlig verzerrt, wird in Griechisch, Englisch und Französisch bekanntgegeben, daß nun im Speisesaal serviert wird. Wir eilen hinunter, hungrig und durstig, im Speisesaal ist es eng, nur fünf oder sechs Tische sind gedeckt. Wir reihen uns in die Schlange der Wartenden ein, alles geht sehr schnell. Abkassieren, der nächste bitte! Was gibt es? Huhn, Spaghetti oder Steak. Wein? Nur in großen Flaschen. Wir löschen den Durst mit Dosenbier, Münchner Bier, in Griechenland gebraut. Einen griechischen Kaffee zum Abschluß? Nein, nicht hier am Tisch, drüben an der Bar bitte. Die Tische müssen frei werden für die nächsten Gäste. Nach einer halben Stunde ist das Abendessen vorüber.