Von Friedhelm Gröteke

Algeriens Energieminister Belkassem Nabi machte eine große Geste. "Das ist wie Champagner", rief er seinen italienischen Verhandlungspartnern zu und blickte auf die neue Erdgasleitung Algerien/Italien. Mit dem Hinweis auf die Güte seines Energieangebots motivierte Nabi zusätzliche Preisforderungen. Erdgas ist saubere Energie. Nehmt davon einen kräftigen Schluck, aber bezahlt gut, ermunterte der Algerier die verdutzten Römer.

Die sträubten sich zwar heftig, denn was Nabi als Champagner deklarierte und was den Italienern vor wenigen Jahren auf dem Höhepunkt der Energiekrise noch so verlockend erschien, kam ihnen im April 1983 wie abgestandenes Bier vor. Aber sie schluckten am Ende brav und unterschrieben den Vertrag. Es blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig, nachdem sie selbst die Erdgasleitung unter dem Mittelmeer mit großer Mühe gebaut und vorfinanziert hatten und die teure Röhre nach zweijährigem Feilschen um den Gaspreis immer noch leer war.

Es war nicht das erste Mal, daß Rom aus der Angst vor einem Energiemangel langfristige Entscheidungen traf, die es zumindest finanziell bereuen mußte. So war es Rom schlecht ergangen, als seine staatliche Energieholding ENI 1978 unter heimlicher Zahlung von 120 Millionen Mark Vermittlungsgebühr einen langfristigen Sondervertrag mit Saudi-Arabien über die Lieferung von Erdöl ausgehandelt hatte. Als öffentlich ruchbar wurde, daß die ENI zum Schmiermittel gegriffen hatte, stellte Riad sofort die Lieferungen ein. Es dauerte vier Jahre, bis die Saudis endlich wieder zum Abschluß eines offiziellen langfristigen Vertrages bereit waren. Heute, im Zeichen nachgebender Ölnotierungen, können die Saudis sich die Hände reiben: Italien deckt bei ihnen zu festen Preisen 25 Prozent seines gesamten Importbedarfes an Erdöl. Obwohl die ENI seit dem vergangenen Jahr alle anderen Länderverträge für die Energiebeschaffung gekündigt hat und bessere Bedingungen aushandelt, bleibt das Abkommen mit Saudi-Arabien tabu: Einen nochmaligen Fehltritt kann sich Rom bei diesem Partner nicht leisten.

Das Land ist unter allen europäischen Industrienationen am stärksten von der Energieeinfuhr abhängig. Obgleich Italien in den letzten zehn Jahren, ebenso wie seine europäischen Nachbarn, kräftig Energie gespart hat, bezieht es immer noch 84 Prozent seiner Energie aus dem Ausland. Und immer noch macht das Erdöl mehr als zwei Drittel seiner Primärenergie aus, während inzwischen Frankreich bei unter sechzig Prozent und die Bundesrepublik bei etwas weniger als fünfzig Prozent angelangt sind.

Die Italiener müssen ihren Energieverbrauch wesentlich teurer bezahlen als die Deutschen. Das gilt vor allem für den elektrischen Strom, dessen Erzeugung etwas mehr als ein Viertel der Primärenergie verschlingt, Italiens staatliche Elektrizitätsversorgung ENEL ist vor zwanzig Jahren aus der Nationalisierung privater Unternehmen entstanden. Sie hat zwar in leidlicher Weise gelernt, Strom zu verteilen. Aber bis heute fehlt ihr der unternehmerische Schwung, den sie als Bauherr und Auftraggeber sowie als Vollzugsorgan staatlicher Energiepolitik entwickeln müßte.