Von Theo Sommer

Ein Unstern hat über dem stern gewaltet. Hitlers Tagebücher, die er der Weltöffentlichkeit wider alle gebotene Skepsis als Fund des Jahrhunderts zu verkaufen suchte, haben sich als plumpeste Fälschung erwiesen. Die Blamage ist vollkommen, weil sie vermeidbar gewesen wäre: durch redaktionelle Sorgfalt, unverblendetes Urteil und ein Quentchen Demut. So kam der Hochmut vor dem Fall: ein Absturz in Halbseide. Einen schlimmeren Medienskandal hat es in Deutschland noch nie gegeben.

Den Schaden davon hat nicht nur der Stern. Die Hamburger Zeitschrift hatte sich unter Henri Nannens genialisch-bewegter Chefredaktion allmählich von der leichtgeschürzten Illustrierten zum politischen Magazin gemausert. Sie packte große Themen groß an; sie versuchte, Richtung zu weisen; sie erwarb sich den Ruf der Ernsthaftigkeit, auch wenn sie zuweilen über das Ziel hinausschoß oder beckmessernd danebentraf. Jetzt steht die Redaktion vor den Trümmern ihrer Ernsthaftigkeit, ja: ihrer Ehrbarkeit. Wie konnte es zu dem Fiasko kommen?

Die erste Ursache ist stern-spezifisch. Rivalisierende Chefredakteure waren der Sache nicht gewachsen, und sie besaßen nicht die Einsicht, sich der Urteilskraft anerkannter Experten anzuvertrauen. In Hugh Trevor-Roper erkor der stern einen Geschichtswissenschaftler zum Kronzeugen, dessen Deutsch im Fernseh-Studio kaum zum Stottern ausreichte. Der Brite und sein amerikanischer Kollege Weinberg "prüften" die angeblichen Hitler-Tagebücher unter Umständen, die kein seriöser Zeitgeschichtler hätte akzeptieren dürfen. Deutsche Hitler-Fachleute wurden nicht eingeschaltet, ja, mit Kübeln voller Hohn übergössen, als sie einhellig Zweifel an der Echtheit anmeldeten. Der stern versuchte es großmäulig ohne sie und fiel dabei auf die Nase. Zudem unterließ er vor der Veröffentlichung die simpelsten und selbstverständlichsten Materialprüfungen; den Lesern gaukelte er das Gegenteil vor.

Angst vor einem Bruch der Exklusivität? Rauschhafte Hybris? Über die Motive wird man noch lange rätseln. Zwei Chefredakteure haben die Konsequenz gezogen und sind zurückgetreten. Auf der Management-Etage rührt sich bisher nichts. Das ist verwunderlich, denn der Sensationsrausch war dort eher noch stärker. Außerdem fielen im Vorstand die Entscheidungen über Millionenzahlungen, und das Geheimnis der Herkunft des angeblichen Hitler-Tagebuches wurde an der Verlagsspitze bewahrt.

Die zweite Ursache ist allgemeinerer Natur. Wo sich Leichtgewicht mit schwerem Geld paart, hakt im Journalismus leicht der kontrollierende Verstand aus. Was teuer war, muß ja auch wahr und gut sein – der Trugschluß liegt nahe. Geld wird zum Maßstab, nicht journalistische Leistung; Erfolg wird gekauft, nicht erarbeitet. Im Rausch der Honorarsummen und Auflagenziffern tobt sich aus, was schon Jacob Burckhardt beklagt hat: der "Erwerbsgenius unserer Zeit", der auf Vorteile auch dann nicht verzichten kann, wenn dabei die Fundamente des Anstandes, der handwerklichen Solidität und der professionellen Verläßlichkeit ins Wanken geraten.

Aber es gibt noch eine dritte Ursache: die Tendenz, Journalismus immer mehr als bloßes Reiz-Entertainment aufzufassen. Provokation wird zum Selbstzweck, Schlagzeilen werden zu Schlag-Zeilen. Das differenzierende Abwägen gerät außer Mode. Die Frettchen bestimmen die Strecke, nicht die Jagdherren. Ellbogen-Rempelei verdrängt das Fingerspitzengefühl. Triumphieren geht vor Recherchieren. Die Sensationslust macht sich im Konkurrenzdruck selbständig.