Warum ist der „stern“ reingefallen? Von der Konstantinischen Schenkung bis zu Hitlers Tagebüchern: Politik und Geschäfte mit falschen Dokumenten

Schlicht unglaublich“ sei, was stern-Spürhund Heidemann apportiert habe. So kündigte der Chefredakteur Peter Koch noch vor vierzehn Tagen seiner stern-Gemeinde „Wochen, Monate und Jahre spannender Lektüre, erregter Diskussionen an“. Mit der Lektüre von Hitlers Tagebüchern war’s schnell vorbei, und diskutiert wird nur noch über den Stern.

Noch am Mittwoch versicherte Gerd Schulte-Hillen, Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr, seinem Verlegerkollegen von Sunday Times, Rupert Murdoch, er wisse, daß die Tagebücher echt seien. Am Donnerstag um 18 Uhr griff Hans Booms, der Präsident des Bundesarchivs in Koblenz, zum Telephon. Seinen Dienstherrn in Bonn, Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, erreichte er an diesem Abend nicht mehr, wohl aber die Redaktion des stern in Hamburg. Booms vernichtendes Urteil: Hitlers Tagebücher sind eine Fälschung, eine unglaublich stümperhafte obendrein.

Spät abends kursierte in New York bereits das Gerücht, sieben Stern-Redakteure seien entlassen worden. Aber erst am Freitag um 13.30 Uhr tickerte eine amtliche Eilmeldung des Bundesinnenministeriums über die dpa-Fernschreiber: „Hitler-Tagebücher stammen aus der Nachkriegszeit“. Am Samstagabend erklärten die stern-Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt ihren Rücktritt.

Ganze drei Tage brauchten Historiker und Chemiker, die Sensation als Flop zu enttarnen. Der unbekannte Hitler-Ghostwriter hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, Papier und Einband, Kordel und Klebstoff aus der Zeit zwischen 1932 und 1945 zu besorgen. Aufwendige Fingerabdruckproben und Handschriftenuntersuchungen hielten die Wissenschaftler denn auch gar nicht mehr für nötig. Louis Ferdinand Werner vom Bundeskriminalamt: „Wenn das Papier nicht stimmt, dann stimmt die ganze Sache nicht.“

Wohl wahr; zumal für die Historiker auch sofort klar war, was dem fleißigen Tagebuch-Autor als Vorlage für den „größten journalistischen Scoop der Nachkriegszeit“ (stern-Chefredakteur Koch) gedient hatte: Max Domarus’ zweibändiger Nazi-Chronik-Wälzer „Hitler, Reden und Proklamationen 1932 bis 1945“ – ein 1963 erschienenes Kompendium dessen, was Hitler in dieser Zeit wann und wo sagte. Kein Wunder also, daß der stem-Hitler just im Jahr 1932 mit seinen Tagebuchnotizen beginnt – und arglos (oder mit hämischer Fälscher-Schadenfreude?) Gelesenes und Erfundenes, Belangloses und Falsches zu einer dünnen Melange verrührt.

„Der Fälscher hat schlicht abgeschrieben“, erkannte Booms; zu derlei „Informationen und .Tagebuch-Eintragungen’ hätte auch ein Historiker aus einer Provinz-Zeitung kommen können“. Mitunter geriet der wackere Tagebuch-Verfasser freilich auch in Schreibnöte: „Wenn bei Domarus für einige Tage nichts dokumentiert ist,“ ätzte Booms, „dann geht der angebliche Führer abends ohne Eintragung ins Bett.“