Warum ist der „stern“ reingefallen? Von der Konstantinischen Schenkung bis zu Hitlers Tagebüchern: Politik und Geschäfte mit falschen Dokumenten

Schlicht unglaublich“ sei, was stern-Spürhund Heidemann apportiert habe. So kündigte der Chefredakteur Peter Koch noch vor vierzehn Tagen seiner stern-Gemeinde „Wochen, Monate und Jahre spannender Lektüre, erregter Diskussionen an“. Mit der Lektüre von Hitlers Tagebüchern war’s schnell vorbei, und diskutiert wird nur noch über den Stern.

Noch am Mittwoch versicherte Gerd Schulte-Hillen, Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr, seinem Verlegerkollegen von Sunday Times, Rupert Murdoch, er wisse, daß die Tagebücher echt seien. Am Donnerstag um 18 Uhr griff Hans Booms, der Präsident des Bundesarchivs in Koblenz, zum Telephon. Seinen Dienstherrn in Bonn, Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, erreichte er an diesem Abend nicht mehr, wohl aber die Redaktion des stern in Hamburg. Booms vernichtendes Urteil: Hitlers Tagebücher sind eine Fälschung, eine unglaublich stümperhafte obendrein.

Spät abends kursierte in New York bereits das Gerücht, sieben Stern-Redakteure seien entlassen worden. Aber erst am Freitag um 13.30 Uhr tickerte eine amtliche Eilmeldung des Bundesinnenministeriums über die dpa-Fernschreiber: „Hitler-Tagebücher stammen aus der Nachkriegszeit“. Am Samstagabend erklärten die stern-Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt ihren Rücktritt.

Ganze drei Tage brauchten Historiker und Chemiker, die Sensation als Flop zu enttarnen. Der unbekannte Hitler-Ghostwriter hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, Papier und Einband, Kordel und Klebstoff aus der Zeit zwischen 1932 und 1945 zu besorgen. Aufwendige Fingerabdruckproben und Handschriftenuntersuchungen hielten die Wissenschaftler denn auch gar nicht mehr für nötig. Louis Ferdinand Werner vom Bundeskriminalamt: „Wenn das Papier nicht stimmt, dann stimmt die ganze Sache nicht.“

Wohl wahr; zumal für die Historiker auch sofort klar war, was dem fleißigen Tagebuch-Autor als Vorlage für den „größten journalistischen Scoop der Nachkriegszeit“ (stern-Chefredakteur Koch) gedient hatte: Max Domarus’ zweibändiger Nazi-Chronik-Wälzer „Hitler, Reden und Proklamationen 1932 bis 1945“ – ein 1963 erschienenes Kompendium dessen, was Hitler in dieser Zeit wann und wo sagte. Kein Wunder also, daß der stem-Hitler just im Jahr 1932 mit seinen Tagebuchnotizen beginnt – und arglos (oder mit hämischer Fälscher-Schadenfreude?) Gelesenes und Erfundenes, Belangloses und Falsches zu einer dünnen Melange verrührt.

„Der Fälscher hat schlicht abgeschrieben“, erkannte Booms; zu derlei „Informationen und .Tagebuch-Eintragungen’ hätte auch ein Historiker aus einer Provinz-Zeitung kommen können“. Mitunter geriet der wackere Tagebuch-Verfasser freilich auch in Schreibnöte: „Wenn bei Domarus für einige Tage nichts dokumentiert ist,“ ätzte Booms, „dann geht der angebliche Führer abends ohne Eintragung ins Bett.“

Bereits am Freitagabend sprach stern-Herausgeber Henri Nannen schon nur noch von den „sogenannten Tagebüchern“: „So was kann immer passieren. Daß das Blatt seine journalistische Sorgfaltspflicht vernachlässigt haben könnte, wies Nannen wortgewaltig von sich: „Wen wollen Sie denn noch alles fragen. Das Bundesarchiv ist doch auch nicht der liebe Gott!“

Wie las es der „liebe Sternleser“ noch einen Tag zuvor im Leitartikel des Chefredakteurs Koch: „Die Tagebücher sind echt, unsere Beweise seriös und zahlreich.“ Mehr noch: „Diese Beweise sind eindeutig: An der Echtheit kann nicht gezweifelt werden.

Hieß Hitler Fridolin?

Und Henri Nannen hatte sich in einem offenen Brief an das Institut für Zeitgeschichte in München dafür verbürgt: „Was zur Verifizierung der Tagebücher getan werde konnte, ist geschehen.“

Geschehen war so gut wie nichts. Obwohl einige der Kladden schon vor drei Jahren angeliefert wurden, hatte der stern nicht ein einziges Tagebuchblatt prüfen lassen. Einzig eine Seite aus dem sogenannten Heß-Sonderband – auch dieser eine glatte Fälschung – war herausgetrennt worden, nämlich der Entwurf Hitlers für eine Parteiverlautbarung zum England-Flug seines Stellvertreters Rudolf Heß. Warum ausgerechnet dieses Stück? Der britische Historiker Hugh Trevor-Roper vermutet, der ganze Sonderband sei als Fälschung um dieses Stück herum konstruiert worden. Denn jene Seite wurde von Schriftsachverständigen in Amerika und der Schweiz und auch vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz für authentisch befunden. Mehr hatten sie nicht gesehen. „Wer hat jene Dokumente ausgewählt, die einer Prüfung unterworfen wurden?“ fragte Sunday Times.

Außerdem wurden dem Bundes-Chemiker Dr. Arnold Rentz zwei leere Blätter aus verschiedenen Kladden vorgelegt, die er auf die dreißiger oder vierziger Jahre datierte, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Dieses Ergebnis genügte dem stem. Er verschwieg freilich, daß Rentz noch ein drittes, beschriebenes Blatt mit einem Telegrammentwurf aus der Feder Hitlers als Fälschung entlarvt hatte. Anscheinend wurde auch niemand in der Redaktion stutzig. Ja, und dann durften noch zwei ausländische Historiker im Hinterzimmer einer Zürcher Bank geschwind in den Kladden schmökern.

Wie aber war es möglich, daß niemand – weder Reporter Heidemann noch das Ressort Zeitgeschichte, weder die Verlagsmanager noch die Chefredakteure – eine so plumpe Fälschung auf Anhieb erkannte? ZEIT-Leser waren da schon kritischer: „Seit wann wird denn die historische Quellenkritik in Schweizer Hinterzimmern betrieben?“ mokierte sich Gangolf Hübinger aus München.

An dem stern-Hitler-Zitat „Lasse ich einem dieser alten Preußen freie Hand, wird nur Mist gebaut“, stieß sich ZEIT- Leser Günter Harte: „Die Wendung ‚Mist bauen‘ ist verhältnismäßig jung, sie ist lange nach dem Zweiten Weltkrieg erst aufgetaucht.“

Daß Hitler geschrieben haben sollte, „Mussolini hat keinen Schneid mir unter die Augen zu kommen“, dünkte den Vilshofener ZEIT- Leser Herbert Bögl nicht ganz geheuer: „Diese Formulierung ist für jemanden, der wie Hitler sprachlich im Oberdeutschen zu Hause ist, nicht denkbar, da im . gesamten bayerisch-österreichischen Sprachgebiet ‚Schneid‘ ausschließlich als Femininum verwendet wird, so daß es heißen müßte: ‚... hat keine Schneid ...‘“

Der offenbar richtige Schluß, daß „sich unter den vielen Schriftgelehrten in der rtero-Redaktion niemand fand, der die Varianten gotischer Buchstaben kannte“, ließ den ZEIT-Leser Dr. Roland Schäpers vom „Verlag für Deutsch“ stutzig werden. Er hatte, schneller als Bild, die Initialen auf dem stern-Titel als F H ausgemacht: „Fritz Hitler! Interessiert hat uns natürlich, daß Hitler sein ganzes Leben inkognito verbrachte, da er in Wirklichkeit wohl Fritz oder Fridolin hieß.“

Geplatzt ist über Nacht der internationale Presseverbund, der die Hitler-Aufzeichnungen für alle Welt aufbereiten sollte, die sich der steht für angeblich acht Millionen eingehandelt hat. Das Mailänder Magazin Panorama, die englische Sonntagszeitung Sunday Times und die französische Illustrierte Paris Match haben wie der stern die Serie gestoppt. Die Italiener überlegen noch, ob sie dem stern die vereinbarten 50 000 Dollar überhaupt überweisen sollen. Die Engländer wollen ihre Anzahlung von 200 000 Dollar zurückhaben. Wortreich ließ sich Sunday Times bei seinen Lesern zu einer Entschuldigung herbei, rühmte sich aber, daß ihr eigener Papierexperte Julius Grant (zu spät freilich) binnen fünf Stunden Bescheid wußte. Er hatte schon 1967 das Blatt vor dem Abdruck von heimgewirkten Mussolini-Tagebüchern bewahrt. Denn wie Diktator Hitler hat auch der Duce, sein Achsenpartner, die Memoirenschneider immer wieder zu neuen Entwürfen inspiriert.

Keine düsteren Geheimdienstmänner, sondern zwei biedere Signore, Mutter Rosa Panvini, 75, und Tochter Amalia, 44, genannt Mimi, fielen im August 1957 in der piemontesischen Stadt Vercelli der italienischen Spionageabwehr in die Hände – als Autorinnen eines dreißigbändigen Mussolini-Tagebuches. In fünfjähriger Heimarbeit hatten die beiden dem angehimmelten Duce angebliche Aufzeichnungen aus den Jahren 1920 bis 1943 nachgedichtet. So täuschend echt, daß zunächst niemand auf die Idee kam, die Schreibhefte könnten gefälscht sein. Emotionsausbruch des kraftvollen Panvini-Duce über Hitler: „Ein Übergeschnappter, ein Verrückter, unsere Ideen sind diametral entgegengesetzt.“

Die Story, die sich die emsigen Damen ausgedacht hatten, klang durchaus plausibel. Von Vater Panvini, so gaben sie an, hätten sie am Kriegsende ein „Geheimpaket zur Aufbewahrung“ bekommen – Mussolinis Tagebücher und andere Schriften. Und was lag näher, als daß Mussolini, vormals Chefredakteur des sozialistischen Avanti, auch Tagebücher geschrieben hat? Sachverständige der Universität Lausanne bezeugten nach eingehender Untersuchung die Echtheit des Diariums.

Veranlaßt wurde die Prüfung vom amerikanischen Magazin The Reporter, an das die geschäftstüchtigen Damen ihr Elaborat für 150 000 Dollar verscherbeln wollten. Auch mit Time-Life hatten die Autorinnen schon Verhandlungen aufgenommen. Zu einer Veröffentlichung kam es freilich nie. Denn inzwischen hatte der italienische Geheimdienst von dem Tagebuch Wind bekommen – und den Tip eines Druckers in Vercelli: Die Panvinis hätten just bei ihm Kalender mit Tagebuchblättern für die Jahre 1935 bis 1942 bestellt.

Kurz darauf flog die nostalgische Sensationsgeschichte auf. Die liebevoll-detailliert geführten Tagebücher – da stimmte ob Mimis Bienenfleiß sogar der jeweilige Wetterbericht – wurden beschlagnahmt und nach zweijähriger Untersuchung durch die römische Polizei als Fälschung entlarvt. Im November 1960 wurden die Damen verurteilt. Mamma Panvini bekam zwei Jahre und zwei Monate Haft aufgebrummt, die sie aber – ihres Alters wegen – nicht antreten mußte. Auch Tochter Mimi wurden von den 34 Monaten Gefängnis schließlich 24 erlassen.

Keineswegs vorbei war aber der Spuk mit den Mussolini-Tagebüchern. Im Februar 1968 eröffnete die Londoner Sunday Times ihren Lesern, wie das Blatt ein Jahr zuvor auf die angeblichen Aufzeichnungen des Duce hereingefallen war. Im Jahr 1967 wurde der vorbestrafte Italiener Ettore Fumagalli auf Vermittlung eines britischen Waffenhändlers mit vier Kladden aus dem Panvini-Fundus bei der Sunday Times in London vorstellig. Für 3000 Pfund hatten sich die beiden Damen herbeigelassen, dem Schwerenöter die Bande als „Kuriosität“ zu überlassen.

Fumagalli gelang es, für 245 000 Pfund (damals knapp eine Million Mark) mit der Sonntagszeitung ins Geschäft zu kommen, und als erste Rate 100 000 Pfund zu kassieren. Damit setzte er sich nach Italien ab; die – getürkten – Tagebücher blieben in einem Londoner Safe zurück. 3427 Pfund hatten die gutgläubigen Briten bereits für einen feschen Jaguar hingeblättert – rasante Morgengabe für den Mussolini-Filius Vittorio, der sich auf diese Weise das ihm zustehende Tagebuch-Copyright abhandeln ließ.

Für Mussolini-Nachlässe gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Da verwundert es kaum, daß stern-Reporter Gerd Heidemann nicht ohne Finderstolz erzählt: „Ich habe die geheimen Briefe zwischen Mussolini und Churchill im Safe – leider nur die Kopien.“ Um ihre Echtheit, die inzwischen von Experten angezweifelt wird, zu beweisen, brauchte er aber die Originale.

Denn, das mußten außer Heidemann auch andere schon erfahren: Ohne Authentizität kein Abdruck. Nur grelle Episode blieben die „Tagebücher“ der Eva Braun, die der umtriebige Südtiroler Bergfex Luis Trenker im Sommer 1948 in der Münchner Herz-Schmerz-Postille Wochenend zum besten gab. Bereits nach der ersten Folge wurden dem memoiren-freudigen Blatt weitere Fortsetzungen durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts München untersagt.

Luis Trenker, nach dem Krieg um keine Verdienstmöglichkeit verlegen, hatte wenig glaubhaft behauptet, die Aufzeichnungen 1944 in Kitzbühel von Eva Braun erhalten zu haben. Die Mutter der Hitler-Geliebten bestritt indes allein schon die Schreiblust ihrer Tochter: Selbst Briefe habe Eva „höchst ungern“ geschrieben, von einem Tagebuch könne erst recht nicht die Rede sein. Und vollends unmöglich schien ihr, was Eva alles zu Papier gebrachthaben sollte.

Für wessen Fabulierlust auch immer da Trenker seinen Namen hergegeben haben mag – die Notizen zielten tief unter die Gürtellinie. Eva Braun, so stand da zu lesen, sei von Hitler gezwungen worden, sich in rehlederne Unterwäsche zu kleiden. Hitler selber wird in den Aufzeichnungen als wasserscheuer Philister belächelt, der sich immer lediglich die Füße gebadet habe. Doch – schau, schau – auf dem Berghof wurden Nackttänze aufgeführt; wohl nur unter der Regie Trenkers, als Premiere für die lesestoffhungrigen Wochenend-Käufer. Alles gefälscht, urteilte im Oktober 1948 das Münchner Gericht über die klebrige Schlüsselloch-Story.

Über die echten Tagebücher der Eva Braun glaubt indes der unermüdliche David Irving Bescheid zu wissen. Sie seien, so schrieb der findige Nazi-Forscher, im Sommer 1945 von einem in Stuttgart-Backnang stationierten CIC-Team beschlagnahmt worden. Irving will den Leiter des Teams längst in Neu Mexiko aufgespürt haben. Doch vergebliche Findermüh’: „Obgleich er das Faktum zugab, konnte ich ihn nicht überreden, die Unterlagen der historischen Forschung zur Verfügung zu stellen; möglicherweise hat er sie längst an einen Händler verkauft.“ (Irving)

Fälschungen und Geschichtslügen, getürkte Urkunden und frisierte Historien gibt es seit dem Altertum. Die Griechen, berüchtigt für ihre Betrügereien, fanden bald auch in Rom Nachfolger, die ihnen in nichts nachstanden. Im Mittelalter schließlich hatten Fälscher Hochkonjunktur, galten Urkundenfälschungen als regelrechter Bestandteil der Politik.

Protokolle vom Geheimdienst

Die folgenreichste mittelalterliche Fälschung ist die sogenannte Konstantinische Schenkung. Angefertigt wurde das Dokument um das Jahr 750 von der römischen Kurie, Hauptzweck war die Stärkung des Papsttums durch die Anerkennung des Bischofs von Rom als „Fürst der Bischöfe“ und „Haupt der Christenheit“.

In der plump gefälschten Schenkung wendet sich der oströmische Kaiser Konstantin an Papst Silvester und alle katholischen Bischöfe: Er erhöhe die Papstkirche über sein eigenes Kaisertum und überlasse ihr Rom „und alle Provinzen Italiens und der westlichen Lande“ zu Eigentum. Erst 700 Jahre später entlarvte der Humanist Lorenzo Valla die „Konstantinische Schenkung“ als groteske Fälschung.

Die Folgen waren indes nicht mehr aufzuhalten: Der Papst wurde durch das Dokument zum Eigentümer Roms und aller westlichen Provinzen des Römerreichs; damit war für den jahrhundertelangen Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum der Keim gelegt.

Gefälscht ist auch die Geburtsurkunde des Hamburger Hafens, jener berühmte „Freibrief“ Kaiser Friedrich Barbarossas vom 7. Mai 1189. Nicht der greise Rotbart, sondern Graf Adolf von Schauenburg erteilte die Genehmigung, an Elbe und Alster einen Hafen anzulegen, was eine Reihe wichtiger Privilegien bedeutet hätte. Den „Freibrief“ stellten sich die strebsamen Hamburger selber aus.

Die angeblich von Barbarossa verliehene Urkunde trägt nämlich ein Siegel seines Enkels Friedrich II., der von 1212 bis 1250 regierte. Schriftart und Inhalt suggerieren, daß der „Freibrief“ nicht im zwölften, sondern im dreizehnten Jahrhundert entstand. Und schließlich wird die Urkunde erst 1266 erwähnt. Fazit: Das Dokument ist eine erst lang nach 1189 entstandene Fälschung. Doch niemand hat’s im Mittelalter gemerkt Es wäre ja auch ein teurer Spaß geworden: die Hamburger mußten für ihre Privilegien immerhin gut zwei Millionen Mark Fälscherkosten berappen.

Eines der berühmtesten Falsifikate des Mittelalters ist das Privilegium majus. Da sich der jährige Herzog Rudolf IV. von Habsburg 1356 bei der Privilegienverleihung an die deutschen Kurfürsten durch Kaiser Karl IV. übervorteilt wähnte, sann er auf Rache. Im Jahr 1358 ließ er klammheimlich eine von Kaiser Barbarossa 1156 für Österreich ausgestellte Urkunde, das später sogenannte „Privilegium minus“, zum „Privilegium majus“ umfrisieren.

Zweck der Fälschung: die Einführung des Titels „Erzherzog“ für das Haus Habsburg. Diesem bislang unbekannten Adelsprädikat ließ Rudolf eine Reihe von Privilegien zuschlagen, die denen der deutschen Kurfürsten in nichts nachstanden. Kaiser Karl IV., dem der Habsburgersproß keck die gefälschten Urkunden präsentierte, kam dies alles nicht recht koscher vor. Er hieß den Humanisten Francesco Petrarca eine Expertise erstellen. Ergebnis: die Urkunden sind Fälschungen.

Achtzig Jahre später war Petrarcas Prüfung längst vergessen. Friedrich III., selber ein machtstrebiger Habsburger, bestätigte nunmehr Rudolfs Nachfolgern 1444 das „Privilegium majus“. Der habsburgische Etikettenschwindel klappte, Rudolfs politisches Kalkül ging auf: Österreich wurde weitgehend unabhängig vom Reich und legte damit den Grundstein für seine spätere Macht. Daran konnte im 19. Jahrhundert die abermalige Bestätigung, daß das „Privilegium majus“ eine Fälschung war, nichts mehr ändern.

Doch nicht nur Kaiser und Fürsten, sondern auch Wissenschaftler legen einander bisweilen aufs Kreuz. Weltweiten Streit löste 1965 die sogenannte „Vinland“-Karte aus, die von der amerikanischen Yale-Universität als „größte kartographische Entdeckung des 20. Jahrhunderts“ hochgejubelt wurde. Die Karte – vermeintlich eine Weltdarstellung aus dem Jahr 1440 – zeigte Europa, Asien, Afrika, Grönland und „Vinland“ (Amerika), wohlgemerkt 50 Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus: Der Beweis schien erbracht, daß die Wikinger lange vor dem Genueser nach Amerika gekommen waren.

Von 1957 bis 1965, acht Jahre lang, war das Dokument zur Prüfung von Wissenschaftler zu Wissenschaftler weitergereicht und schließlich für „unzweifelhaft echt“ befunden worden. Neun Jahre später, die Kritik an den Expertisen war nie verstummt, mußte die Yale-Universität kleinlaut zugeben, die Wissenschaftler hätten sich täuschen lassen: Untersuchungen hatten ergeben, daß die Karte keinesfalls älter ab 50 Jahre sein kann. In der gelblich-braunen Tinte der „Vinland“-Karte fanden Chemiker eine Titaniumdioxid-Verbindung – einen Stoff, der nur in Tinten nachzuweisen ist, die nach 1920 hergestellt wurden.

Die Sensation verblich schnell zum Kuriosum, Ein ganzer Pulk von erstrangigen Experten war blamiert. Ab Auftraggeber dieser höchst raffiniert gefälschten Weltkarte glauben amerikanische Forscher einen von feurigem Missionarsdrang beseelten Professor ausgemacht zu haben: den jugoslawischen Kirchenrechtler Luka Jelic aus Zandar.

Die berüchtigste und verhängnisvollste Fälschung dieses Jahrhunderts waren die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Veröffentlicht wurden sie zum erstenmal im russischen Revolutionsjahr 1905 durch den erzkonservativen Professor Sergej Nilus, der das autokratische Zarenreich vor einer vermeintlich zerstörerischen Liberalisierung bewahren wollte. Der zweiten Auflage seines Buches „Das Große im Kleinen oder der Antichrist als eine dräuende politische Gefahr“ hängte er die „Protokolle“ an. Sie sollten eine internationale Verschwörung des Judentums beweisen, das durch raffinierte Methoden die Weltherrschaft zu erlangen suche.

Ähnlich wie jetzt bei den „Hitler-Tagebüchern“ setzte der Herausgeber alles daran, seine Quelle zu verschleiern: Mal wollte er sie von einer unbekannten Dame empfangen haben, die sie einem französischen Freimaurer gestohlen hatte, mal von einem russischen Adligen; dann wieder hatte sie ein Freund im jüdischen „Hauptquartier“ gefunden, oder er wollte genau wissen, Theodor Herzl habe sie beim ersten zionistischen Kongreß 1897 in Basel einem Ältestenrat unterbreitet.

Nach der Oktoberrevolution 1917 machte das Buch seine Runde um die Welt, schien es doch durch die Ereignisse in Rußland bestätigt worden zu sein. Aufgedeckt wurde der Schwindel 1921 von einem Times-Korrespondenten in Konstantinopel. Durch einen Textvergleich konnte er nachweisen, daß die „Protokolle“ fast wörtlich – so wie die „Hitler-Tagebücher“ aus dem Domarus – aus einer 1864 erschienenen Streitschrift gegen Kaiser Napoleon III. abgeschrieben wurden. Dieses Pamphlet – 24 Zwiegespräche im Jenseits zwischen den Philosophen Machiavelli und Montesquieu – hatte die französische Polizei seinerzeit einstampfen lassen.

Ein Exemplar blieb jedoch in der Französischen Nationalbibliothek, wo es ein junger russischer Spitzel namens Golowinsky in die Hände bekam. Er hat dann, zusammen mit Freunden, die Fälschung produziert – im Auftrage eines Obersten Raschkowski, der die Auslandsabteilung der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, leitete. Professor Nilus hatte das Manuskript aus Gefälligkeit und politischer Überzeugung drucken lassen, um von den Krisen des Zarenreiches abzulenken. Tatsächlich besaß er eine Abschrift aus dem Französischen – ein Schulschreibheft aus gelbem Papier, dessen erste Seite mit einem großen blauen Tintenfleck verunziert war.

Freilich hat die Enthüllung der Times die Verbreitung der „Protokolle“ nicht aufgehalten, mochten doch die Antisemiten darauf nicht verzichten. Die deutsche Ausgabe enthielt das Vorwort eines Herrn zur Beek, der aus der Umgebung General Ludendorffs stammte, und Ludendorff, man weiß, war es, der 1923 zusammen mit dem ehemaligen Gefreiten Adolf Hitler in München einen Putsch probierte. Hitler, der nur las, was er ohnehin glaubte, ließ sich durch Fälschungsnachweise so wenig beeindrucken wie heutzutage Alt- und Neonazis durch die Beweisführung des Bundesarchivs: Gerade die Tatsache, daß sich die Juden und ihre Schreibknechte so anstrengten, die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Fälschung darzustellen, sei ein unwiderleglicher Beweis für deren Echtheit.

Manche Fälschungen, die man längst für tot hielt, erleben oft nach Jahrzehnten eine erstaunliche Wiedergeburt. So geschehen noch in diesem Frühjahr mit den angeblichen Memoiren von Sidney Warburg, in denen die jüdisch-amerikanische Hochfinanz und Ölindustrie als Finanziers Hitlers angeprangert wurden. Umgerechnet 120 Millionen Reichsmark sollen aus Amerika in die Kassen der Nazi-Partei geflossen sein, und der „Bankier Sidney Warburg“ selber erzählt, wie er in verräucherten Münchner Bierkellern mit Hitler verhandelte. Die Erzählungen haben nur einen Fehler: Einen Mann dieses Namens gab es nie.

Zuerst erschien das Buch 1933 in einem angesehenen Amsterdamer Verlag, dem ein vorbestrafter Holländer namens Schoup das Manuskript verkauft hatte. Er wollte es aus dem Englischen übersetzt haben, konnte sich aber nur mit einem Briefkopf der New Yorker Firma „Warburg & Warburg“ legitimieren, doch stimmte weder der Firmenname noch die Hausnummer. Der Schwindel flog auf, und das Buch wurde eingezogen.

Aber wie bei den unseligen „Protokollen“ blieben ein paar Exemplare im Umlauf. Rechtsradikale und Antisemiten in Österreich und der Schweiz wärmten die dreiste Lügenmär nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf und fanden sogleich Abnehmer in der deutschen Presse. Als Autor wurde von den Neo-Fälschern nunmehr der New Yorker Bankier James P. Warburg verdächtigt, der sich 1949 mit einer eidesstattlichen Erklärung zur Wehr setzte. Das hinderte indes den Leonberger Magazin-Verleger Ekkehard Franke-Gricksch keineswegs, zum 50. Jubiläum des Dritten Reiches wieder in die alte Kiste zu greifen.

Um ein Haar wäre der Droemer Knaur Verlag auf die Fälschung hereingefallen; nun hat der Herausgeber das angeblich wiederentdeckte „Dokument“ im Selbstverlag als Taschenbuch ediert. Auf eine historische Unwahrheit mehr oder weniger kam es ihm dabei schon gar nicht mehr an: So wird zum Beispiel ein Bild des Nazi-Fraktionschefs Gregor Strasser, der 1934 während des „Röhm-Putsches“ von der Gestapo ermordet wurde, mit dem Zusatz versehen, er habe sich als Mitwisser der Warburg-Transaktion das Leben nehmen müssen.

Unmittelbare, von den Urhebern gar nicht gewollte politische Konsequenzen hatte in den zwanziger Jahren ein Brief, der von weißrussischen Emigranten in einer Berliner Fälscherwerkstatt fabriziert worden war: der Sinowjew-Brief an die britischen Kommunisten. Als Fälschung entlarvt wurde er endgültig erst 42 Jahre danach. Gregorij Sinowjew, damals Chef der Kommunistischen Internationale (Komintern), sollte 1924 die Genossen in Großbritannien zum bewaffneten Aufstand und zur Meuterei in Army und Navy aufgerufen haben. Der Brief, abgedruckt von der Daily Mail, hat die verheerende Wahlniederlage des ersten Labour-Premiers Ramsay MacDonald mit verursacht. Die Konservativen hielten den Text für echt, da er ihnen von einem ehrenwerten Geschäfts- und Geheimdienstmann zugespielt wurde – das Schriftstück war den Torys immerhin 5000 Pfund wert. Der Typus des honorigen, zuverlässigen Mittelsmannes darf bei allen großen Fälschergeschichten nicht fehlen.

Die Sunday Times, die heute in der Hitler-Affäre zu den Gelackmeierten gehört, hatte eine ihrer Sternstunden, als 1966 eine russische Witwe, Irina Bellegarde, das Geheimnis enthüllte, nachdem alle Mitbeteiligten tot waren, also keine Vergeltung des sowjetischen Geheimdienstes KGB mehr zu befürchten stand. Die Verfasser hatten lediglich dem Ansehen der verhaßten Sowjetunion schaden wollen – nichtsdestoweniger feierten sie in einem russischen Restaurant der Reichshauptstadt überschwenglich den Sturz der Labour-Regierung. Einer der Konspirateure, der ehemalige Staatsrat Orlow, wurde fünf Jahre später in Berlin vor Gericht gestellt: Er hatte nicht von seinem Kunsthandwerk lassen wollen und Dokumente auf den Weg gebracht, die beweisen sollten, daß der amerikanische Senator William Borah bestochen wurde, damit er auf die Anerkennung der Sowjetunion durch die Vereinigten Staaten hinarbeite.

Verwirrendes aus dem Osten

Weniger bekannt, dafür aber viel primitiver war der gefälschte „Smirkoff“-Brief an den pensionierten Generalfeldmarschall von Hindenburg vom Juni 1921, geschrieben angeblich von dem „geheimen Sowjet-Kommissar für Deutschland“. Hindenburg wurde aufgerufen, er solle zwecks gemeinsamen Krieges gegen Polen zwischen der Sowjetregierung und rechtsstehenden Kreisen im Deutschen Reich eine Verbindung herstellen. Da Hindenburg das von Fehlern und Ungereimtheiten nur so strotzende Schreiben als „Unsinn“ zu den Akten legte und sein postlagernder kurzangebundener Absagebrief nie abgeholt wurde, verpuffte dieser Versuchsballon, den vermutlich deutsche Rechtsradikale aufgeblasen hatten. Dennoch hat noch 1965 ein Biograph Hindenburgs diese leicht erkennbare Fälschung ernstgenommen, was abermals die Zählebigkeit solcher Stricksachen belegt.

Für Kommunisten wie Faschisten blieben Fälschungen ein bevorzugtes Mittel politischen Untergrundkampfes. In den fünfziger und sechziger Jahren stifteten östliche Geheimdienste mit falschen Dokumenten Verwirrung. Regierungen, Behörden und Parlamente der Bundesrepublik wurden als Zufluchtsstätten für schiffbrüchige Altnazis oder sogar für untergetauchte Kriegsverbrecher geschmäht. Daß sie immer mal wieder auch echte Dokumente zutage förderten, machte die Sache nur delikater. Die Verdrängungspraktiken der bundesdeutschen Gesellschaft, die viel zu lang brauchte, mit der Vergangenheit abzurechnen, erleichterte der östlichen Feindbild-Propaganda ihre Spielchen.

Am ärgsten traf es den Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer, von dem sogar Bundeskanzler Adenauer sagte, er sei tiefbraun. Die Kopfjäger aus der DDR wollten ihm partout Kriegsverbrechen in Lemberg anhängen. Oberländer trat 1960 zurück. Eine internationale Kommission, der auch ehemalige KZ-Insassen angehörten, sprach ihn von dem Verdacht frei. Ein Ermittlungsverfahren wurde mangels Tatverdachts eingestellt.

Nächstes Angriffsziel war in den sechziger Jahren Bundespräsident Heinrich Lübke, der den Fehler begangen hatte, seine Tätigkeit im Dritten Reich zu verschleiern. Er hatte im Kriege als Mitglied eines Ingenieurbüros Anlagen für die Rüstungsindustrie geplant, die, wie jeder wußte, auch KZ-Häftlinge beschäftigte. Mit einem Schwall von vielen gefälschten und eingestreuten echten Dokumenten wollte ihn die DDR als „KZ-Baumeister“ anprangern. Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz konnten, obwohl ihnen nur Photokopien gezeigt wurden, die wichtigsten Belastungsdokumente als Fälschung entlarven. Prompt reichte die DDR Originale nach, die wohl dem stern, nicht aber westdeutschen Ämtern gezeigt werden durften. Ein amerikanischer Schriftexperte befand sie für echt: Der Präsident sah sich gezwungen, gegen seine Verleumder in der Bundesrepublik gerichtliche Schritte einzuleiten.

Mit weltweitem Propagandagetöse zogen östliche Geheimdienste auch gegen die beiden höchsten Generäle der Bundeswehr, Heusinger und Speidel, zu Felde. Adolf Heusinger, unter Hitler Chef der Operationsabteilung im Generalstab, wurde 1961 bezichtigt, er habe bereits einen Plan für einen Blitzkrieg gegen die DDR ausgearbeitet. Das angebliche Geheimdokument war gefälscht. Darauf versuchte man, ihm Kriegsverbrechen in der Sowjetunion anzulasten. Dabei unterlief den Sowjets eine peinliche Panne. In der Krasnaja Swesda erschien ein Photo, das angeblich deutsche Truppen beim Abbrennen eines russischen Dorfes zeigte. Dasselbe Bild war aber Jahre zuvor mit anderem Untertitel erschienen: Japanische Interventen zünden chinesische Dörfer an“. Pech hatte auch die DDR, als sie mit einem Originaldokument bei den Vereinten Nationen Heusingers Beteiligung an längst bekannten Angriffsplänen gegen die Schweiz belegen wollte („Operation Tannenbaum“), das jedoch mit „Müller“ unterzeichnet war – dem Namen jenes ehemaligen Wehrmachtsgenerals Vincenz Müller, der später in der Volksarmee Karriere machte.

Noch ärger war die Verleumdungskampagne gegen General Hans Speidel, dem in einem ostdeutschen Dokumentarfilm unterstellt wurde, er habe 1934 als Militärattache in Paris im Auftrage Hermann Görings die Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander in Marseille organisiert, ein Verbrechen, das unzweideutig von kroatischen Rechtsradikalen begangen wurde. Die Dokumente waren plump gefälscht: Ein Brief Speidels an Göring trug die so unmögliche wie unhöfliche Anrede „Herr General“; trotz des Geheim-Stempels fehlte die unerläßliche Briefbuchnummer des Absenders – Kleinigkeiten, die Fachleuten sofort auffallen.

Von Zeit zu Zeit erhielten Politiker, Journalisten und Diplomaten gefälschte Briefe, Rundschreiben und Flugschriften, in denen Komitees und Stiftungen mit phantasievollen Namen Aktionen ankündigten, die für die Bundesrepublik nachteilig gewesen wären, etwa in der Entwicklungshilfe. 1969 wurden per Post aus Rom dem stern und anderen Presseorganen Nato-Geheimdokumente zugeschickt – Pläne für den Einsatz von nuklearen, chemischen und bakteriologischen Waffen. Der anonyme Absender gab vor, er handele im letzten Auftrage von Generalmajor Horst Wendland, dem Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes, der sich 1968 an seinem Schreibtisch erschossen hatte. Damals war der stern auf dem Quivive. Er ließ die heikle Post bei der Nato prüfen, und siehe, die top secret-Pläne waren acht Jahre alt und schon abgeändert, seit sie ein amerikanischer Stabsfeldwebel an die Russen verraten hatte.

Eingedenk solcher Erfahrungen wurde letzte Woche sofort vermutet, Hitlers Tagebücher stammten aus einer Fälscherzentrale in Potsdam. Diese These klingt nicht mehr so überzeugend, seit das BAM, das Bundesamt für Materialprüfung in Berlin, feststellen konnte, wie primitiv die Fälscher zu Werke gingen. DDR-Profis hätten zumindest altes Papier verwendet, denn, so die Erkenntnisse westdeutscher Sicherheitsbehörden: An Papiersorten aus den dreißiger und vierziger Jahren ist beim Staatssicherheitsdienst kein Mangel.

Einen Markt für Fälschungen gibt es jedoch nur im Westen. Hans Booms, der Präsident des Koblenzer Bundesarchivs: „Es kommt zu regelrechten Geheimbörsen, wo NS-Dokumente gehandelt werden, echte und unechte.“ „Konkrete Erkenntnisse“ dazu habe man freilich „noch keine“.

Vorneweg ist, wenn Nazi-Material auftaucht, immer der englische Rechtsradikale und Zeithistoriker David Irving. Bereits im Juli vergangenen Jahres berichtete er in einer britischen Rechts-Postille von großen Mengen „Nazidokumenten der Spitzenklasse“, die den westdeutschen Geheimmarkt überschwemmen.

Am 24. Dezember 1982 meldete dann die Münchener Nationalzeitung, Irving habe enthüllt, „daß Adolf Hitlers eigene Tagebücher – 27 Halbjahresbände einschließlich des ersten Halbjahres 1945 – nunmehr im Bundesgebiet eingetroffen sind als Ergebnis eines ‚Kuhhandels‘ mit einem Generalmajor der Volksarmee. Sie liegen aber in privaten Händen in Baden-Württemberg, und die deutschen Historiker bemühen sich nicht darum.“

Geheimbörsen für NS-Reliquien

Erzählt hatte dem Briten diese Neuigkeit erstmals der Münchener Kunstexperte und vormalige Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP, August Priesack, bei einem Essen in London. Er arbeite mit einem Millionär in Stuttgart zusammen, offenbarte der Nazi-Krämer Priesack; jener wiederum beziehe das Material von den „Fischer-Brüdern“.

Der eine Bruder, angeblich ein Volksarmee-General, besorge für harte West-Mark die Hitleriana aus „kommunistischen Geheimbeständen und Moskauer Archiven“; der andere, ein Antiquar in Stuttgart, schleuse die NS-Devotionalien auf den blühenden grauen Markt: Aquarelle und Skizzen, Briefe und Notizen (so die echten Goebbels-Tagebücher), Gedichte und Medaillen.

Kein Wunder, daß Irving da einen Schatz vermutete, den es möglichst rasch zu heben galt. Im November vergangenen Jahres begutachteten Priesack, Irving und der Vertreter eines Münchener Verlages den Priesack-Fundus, den man als Buch herauszubringen gedachte. Besonders hatte es Irving die Photokopie eines Tagebuchblattes des Hitler-Diariums angetan, obwohl er im übrigen von der Echtheit des Materials nicht überzeugt war.

Seinen „Lieferanten“ hielt der Nazi-Archivar Priesack aber tapfer geheim. Nicht gerechnet hat er freilich mit der Handwerkskunst des Aktenjägers Irving: Für den war es ein Leichtes, sich die Telephonnummernfolge zu merken, als Priesack im Beisein Irvings den vermeintlich geheimnisvollen Mann im Hintergrund anrief: Fritz Stiefel, einen in Waiblingen-Hegnach wohnhaften Industrievertreter.

Und schon kurze Zeit später machte sich Irving auch an diesen Hitler-Händler heran, von dem nun aber Priesack sagt, er habe lediglich „einen Halbjahresband zur Ansicht in Händen gehabt“ und „dann auch nichts mehr gekauft“. Ganz leer ging Irving in Süddeutschland dennoch nicht aus: er zweigte sich das Priesack-Material ab und fertigte Photokopien an. Vergebens freilich: lauter Fälschungen, erkannte Irving wenig später, und hielt damit auch nicht hinterm Berg. „Ein unerhörter Vertrauensbruch“, ärgert sich Priesack immer noch, denn mit einem Mal standen er und Stiefel und die ganze geschäftstüchtige Kameradenriege als tumbe Roßtäuscher da.

Vorbei war es auch mit Irvings Plan, die ihm von Priesack avisierten „fünf oder sechs Halbjahresbände“ des Hitler-Tagebuches „zu erjagen“ (Priesack). Und Priesack selber wurde stutzig:

„Ich hab’ den Händler gesprochen, und der sagte, er habe die fünf oder sechs Bände nach Amerika verkauft, was ja eigentlich ein Unsinn ist, daß man das auseinanderreißt.“

Wer ist der Händler? Stiefel? „Nein, nein, das ist völlig verkehrt!“ Fischer? Priesack: „Laut Aussage des Händlers kommt das Material von da her, aus der DDR. Aber das Material, das ich habe, sind absolut echte Dokumente!“ Also gibt es zwei Tagebücher? Priesack: „Ich glaube nicht, daß Hitler zwei Tagebücher geschrieben hat, also muß eins eine Fälschung sein – oder beide.“ Leicht hat es der 75jährige August Priesack auch nicht in seinem Münchener Eigenheim, wo er auf Bergen von Hitler-Gemälden, Photoalben und Dokumentenmappen sitzt. „Hier, ein echtes Hitler-Aquarell, 5000 Mark.“ Oder Priesacks „Lebenswerk“, für das ihm der texanische Nazireliquiensammler Billy F. Price mit 400 000 Mark unter die Arme griff: „Adolf Hitler als Maler und Zeichner“, 64 Mark.

Priesack hortet Hunderte Ablichtungen, Zeitungsausschnitte, Photos und Dokumente aus der Hitler-Zeit und wird nicht müde, die an die Öffentlichkeit, oder zumindest an einen Käufer bringen zu wollen. „Diese Mappen hier“, zeigt er auf ganze Stöße, „sind zu haben: für 100 000 Mark.“

Daß nahezu alles gefälscht war, was er je an den Mann zu bringen versuchte, scheint ihn nicht zu stören: „Reinfallen – das kann jeder; wie ich, durch die Sachen von Fritz aus der DDR.“ Dem Historiker Joachim Fest schienen Priesacks wenige Blätter aus dem Hitler-Halbjahresband von 1935 allzu esoterisch.

Was die Echtheit der Tagebücher angehe, habe er sich „vielleicht vergaloppiert“, aber „natürlich können sie genausogut gefälscht sein“. Nichts lasse er indessen auf Heidemann kommen: „Ein ganz integrer Mann und Champion der Recherche.“ (Irving jetzt über seinen alten Spezi Heidemann: „Er gehört zu jenen, die auf Autoanzeigen hereinfallen.“) Über Heidemanns Recherchen in der DDR weiß Priesack natürlich so manches, „aber das sag ich nicht“; nur soviel: „die kommen in den nächsten zehn Jahren mit ganz hübschen Sensationellen raus!“

Gina Heidemann, die Frau des jetzt in Beweisnot geratenen stern-Reporters, als sie von der britischen Journalistin Gitta Sereny nach dem Namen des Kladden-Zuträgers befragt wurde, antwortete nur: „Er ist der Höchste drüben!“ Nicht in der DDR, sondern bei den alten Nazis in Paraguay wollen andere die Spur der „Tagebücher“ ausgemacht haben. David Irving wiederum weiß: Die Fälscher sitzen im Südwesten Deutschlands. Sein leidgeprüfter Landsmann Trevor-Roper hält es für möglich, daß der stem-Fund aus mehreren Schreibstuben stammt. Und Henri Nannen erstattete am Montag gegen seinen Starreporter Heidemann Strafanzeige „wegen des dringenden Verdachts des Betrugs“. Die Jagd nach den Fälschern ist eröffnet.