Die berüchtigste und verhängnisvollste Fälschung dieses Jahrhunderts waren die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Veröffentlicht wurden sie zum erstenmal im russischen Revolutionsjahr 1905 durch den erzkonservativen Professor Sergej Nilus, der das autokratische Zarenreich vor einer vermeintlich zerstörerischen Liberalisierung bewahren wollte. Der zweiten Auflage seines Buches „Das Große im Kleinen oder der Antichrist als eine dräuende politische Gefahr“ hängte er die „Protokolle“ an. Sie sollten eine internationale Verschwörung des Judentums beweisen, das durch raffinierte Methoden die Weltherrschaft zu erlangen suche.

Ähnlich wie jetzt bei den „Hitler-Tagebüchern“ setzte der Herausgeber alles daran, seine Quelle zu verschleiern: Mal wollte er sie von einer unbekannten Dame empfangen haben, die sie einem französischen Freimaurer gestohlen hatte, mal von einem russischen Adligen; dann wieder hatte sie ein Freund im jüdischen „Hauptquartier“ gefunden, oder er wollte genau wissen, Theodor Herzl habe sie beim ersten zionistischen Kongreß 1897 in Basel einem Ältestenrat unterbreitet.

Nach der Oktoberrevolution 1917 machte das Buch seine Runde um die Welt, schien es doch durch die Ereignisse in Rußland bestätigt worden zu sein. Aufgedeckt wurde der Schwindel 1921 von einem Times-Korrespondenten in Konstantinopel. Durch einen Textvergleich konnte er nachweisen, daß die „Protokolle“ fast wörtlich – so wie die „Hitler-Tagebücher“ aus dem Domarus – aus einer 1864 erschienenen Streitschrift gegen Kaiser Napoleon III. abgeschrieben wurden. Dieses Pamphlet – 24 Zwiegespräche im Jenseits zwischen den Philosophen Machiavelli und Montesquieu – hatte die französische Polizei seinerzeit einstampfen lassen.

Ein Exemplar blieb jedoch in der Französischen Nationalbibliothek, wo es ein junger russischer Spitzel namens Golowinsky in die Hände bekam. Er hat dann, zusammen mit Freunden, die Fälschung produziert – im Auftrage eines Obersten Raschkowski, der die Auslandsabteilung der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, leitete. Professor Nilus hatte das Manuskript aus Gefälligkeit und politischer Überzeugung drucken lassen, um von den Krisen des Zarenreiches abzulenken. Tatsächlich besaß er eine Abschrift aus dem Französischen – ein Schulschreibheft aus gelbem Papier, dessen erste Seite mit einem großen blauen Tintenfleck verunziert war.

Freilich hat die Enthüllung der Times die Verbreitung der „Protokolle“ nicht aufgehalten, mochten doch die Antisemiten darauf nicht verzichten. Die deutsche Ausgabe enthielt das Vorwort eines Herrn zur Beek, der aus der Umgebung General Ludendorffs stammte, und Ludendorff, man weiß, war es, der 1923 zusammen mit dem ehemaligen Gefreiten Adolf Hitler in München einen Putsch probierte. Hitler, der nur las, was er ohnehin glaubte, ließ sich durch Fälschungsnachweise so wenig beeindrucken wie heutzutage Alt- und Neonazis durch die Beweisführung des Bundesarchivs: Gerade die Tatsache, daß sich die Juden und ihre Schreibknechte so anstrengten, die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Fälschung darzustellen, sei ein unwiderleglicher Beweis für deren Echtheit.

Manche Fälschungen, die man längst für tot hielt, erleben oft nach Jahrzehnten eine erstaunliche Wiedergeburt. So geschehen noch in diesem Frühjahr mit den angeblichen Memoiren von Sidney Warburg, in denen die jüdisch-amerikanische Hochfinanz und Ölindustrie als Finanziers Hitlers angeprangert wurden. Umgerechnet 120 Millionen Reichsmark sollen aus Amerika in die Kassen der Nazi-Partei geflossen sein, und der „Bankier Sidney Warburg“ selber erzählt, wie er in verräucherten Münchner Bierkellern mit Hitler verhandelte. Die Erzählungen haben nur einen Fehler: Einen Mann dieses Namens gab es nie.

Zuerst erschien das Buch 1933 in einem angesehenen Amsterdamer Verlag, dem ein vorbestrafter Holländer namens Schoup das Manuskript verkauft hatte. Er wollte es aus dem Englischen übersetzt haben, konnte sich aber nur mit einem Briefkopf der New Yorker Firma „Warburg & Warburg“ legitimieren, doch stimmte weder der Firmenname noch die Hausnummer. Der Schwindel flog auf, und das Buch wurde eingezogen.