Von Ota Filip

Die meisten Asylbewerber, die im vergangenen Jahr aus der ČSSR in die Bundesrepublik Deutschland flüchteten, sind von der spezifisch tschechoslowakischen Schizophrenie befallen oder durch das Syndrom der gewalttätigen Normalisierung, die sie in den vergangenen vierzehn Jahren über sich ergehen lassen mußten, gekennzeichnet; Sie haben sich zwar mit dem System heimlich zähneknirschend zu arrangieren verstanden, lebten, an der allgemeinen Misere des wirtschaftlichen und geistigen Daseins des Landes gemessen, ziemlich gut und vom Machtapparat nicht behelligt; sie erkannten jedoch irgendwann die Kluft zwischen der offiziell verkündeten glücklichen real-sozialistischen Pseudorealität und ihren geheimgehaltenen Sehnsüchten. Diese verängstigten, verunsicherten Menschen standen dann vor der Wahl: Entweder geben wir auf und verwandeln uns in kaltblütige Zyniker, oder wir müssen etwas dagegen tun. Etwas dagegen tun, bedeutet in Prag immer: abhauen. Die Parole des 35. Jahres nach der kommunistischen Machtergreifung im Jahr 1948 heißt: Rette sich, wer kann!

Die atmosphärischen Störungen, die in Prag den Menschen das Atmen schwermachen, verdeutlicht ein Zitat aus einem Brief einer jungen Frau, die mir schrieb: "Ich bin mit meinem Mann zu der Ansicht gekommen, daß jeder Tag hier nicht nur verlorengeht, sondern uns unserer Energie und Lebenskraft beraubt. Die Hoffnungen, die wir noch zu haben scheinen, sind nichts anderes als ein verzweifelter Versuch, uns gegen die allgemeine Depression zu wehren, von der wir selbst schon zu oft befallen worden sind. Vor zwei Jahren verstanden wir es, anderen Hoffnungen zu vermitteln, heute meiden wir unsere Freunde, um sie nicht mit unserer Verzweiflung anzustecken. Für viele ist die Flucht aus der ČSSR eben nur eine Flucht, für andere eine Art von berechtigter Meuterei, für viele wieder ein Ausdruck der Sehnsucht nach der weiten freien Welt. Wir zwei sind jetzt davon überzeugt, daß wir aus Prag weggehen müssen. Die Flucht betrachten wir als die einzige Chance, unsere Integrität zu bewahren. Geschrieben sehen meine Sätze wohl zu pathetisch aus, im Prinzip ist die Sache ganz einfach ..."

"Eines Tages stellte ich fest, daß ich schon an der äußersten Grenze stehe", sagte mir ein Techniker, jetzt Flüchtling in Königssee. "Ein Schritt weiter, und ich wäre für immer ein gebrochener Zyniker geworden. Ich hatte zwar alles, was ein ČSSR-Bürger haben kann, konnte jedoch den Druck der Propagandamaschinerie nicht mehr aushalten. Ich weiß, daß ich hier kein echter politischer Flüchtling bin, obwohl ich den bundesdeutschen Behörden etwas ganz anderes erzählt habe. Ich bin eben nur ein von einem totalitären System traumatisierter Mensch, der hier seine Wunden lecken und dabei noch ein wenig das Leben genießen möchte."

Vor zwei Jahren bemühte sich der tschechoslowakische Staat, seine entflohenen Bürger zur Rückkehr in die sozialistische Heimat zu bewegen. Väter, Mütter, Geschwister, Großväter, Großmütter der geflohenen "Verräter" wurden aus der ČSSR in die Bundesrepublik Deutschland geschickt, um im Namen der zuständigen Behörden den Emigranten mitzuteilen: Wenn du zurückkommst, ist alles vergessen, ein guter Arbeitsplatz ist dir sicher, eine Wohnung bekommst du auch. Als es sich zeigte, daß diese verwandtschaftlichen Missionen ein Fehlschlag waren – ich kenne keinen einzigen Emigranten, der sich zurücklocken ließ –, haben sich die Partei und die Geheimpolizei etwas einfallen lassen. Zwei oder spätestens drei Monate nach ihrer Flucht bekommen die Asylbewerber Besuch aus der ČSSR. Diesmal kommen die Väter und Mütter nicht, um den üblen Staatsfeind zur Rückkehr zu überreden, sondern um Informationen zu sammeln. Da der Asylbewerber natürlich nicht das Geld hat, um seinen Verwandten ein Hotel oder eine Pension zu bezahlen, quartieren sich die sonderbaren Besucher in Asvlantenheimen ein. Mit dem Essen gibt es auch keine Probleme; die Besucher essen mit den anderen Heimbewohnern.

Einen von den zahlreichen Besuchern aus der ČSSR traf ich in einem Asylantenheim in München. Sechs Wochen lang verbrachte der Vater eines "Volksverräters" im Heim für politische Flüchtlinge, spielte mit den Staatsfeinden aus ganz Osteuropa Karten und Schach und sah sich im Heim um. Erst am letzten Abend vor seiner Abfahrt nach Prag rührte sich sein Gewissen, und der Mann packte vor mir aus: "Mein Sohn war nicht einmal drei Wochen im feindlichen Ausland, und schon schickten mich die Genossen von der Geheimpolizei zu Besuch nach Deutschland! Natürlich muß ich schon übermorgen, wenn ich zu Hause bin, schriftlich von meinen Erkenntnissen, die ich hier sechs Wochen lang gesammelt habe, berichten. Namen, Schicksale, Schwierigkeiten und Probleme der Asylbewerber, das alles ist für unsere Genossen interessant. Sagen Sie mir, was soll ich tun?"

"Ich weiß es nicht", antwortete ich.