Ein Krieg treibt auf die letzte Katastrophe zu: Nebukadnezars Feldherr Holofernes, für seine Anmaßung und Grausamkeit berühmt, erobert die Welt, um sie in Brand zu stecken. Nur die jüdische Stadt Bethulien wehrt sich noch. Als letzte Bastion Gottes scheint sie gegen den heidnischen Eroberer auf verlorenem Posten. Doch in dieser Stadt ohne Hoffnung wohnt Judith.

Im Dezember 1839 schrieb Friedrich Hebbel über die Judith’-Tragödie in sein Tagebuch: "Es kommt mir so vor, als ob mein Stück unaufführbar sey. Holofernes z. B. wird geköpft. Wie soll das gemacht werden? Soll man immer einen wirklichen Sünder in Bereitschaft halten, den man als Holofernes einkleidet und den nun die Schauspielerin, statt des Henkers, durch das Beil vom Leben zum Tode bringt? Vorher geht Judith mit Hol. in die Kammer: wird das Publikum nicht lachen? Und hat es nicht Recht, zu lachen? Die Poesie will ich wohl vertreten, aber das Theatralische macht mir große Sorgen."

In Frank-Patrick Steckels "Judith"-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen wird Barbara Petritsch am Ende in das Licht zweier Spots getaucht: In der linken Hand ein Schwert, in der rechten einen Kopf aus Pappe, sitzt sie, noch erschöpft von der Tat, an einem Holztisch vor dem Publikum. Das Tableau erinnert an ein Bild von Lucas Cranach, das "Judith mit dem Haupt des Holofernes" zeigt.

Auch Hebbels Interesse an Judiths Geschichte begann mit einem Bild: "... jene alte Fabel, die ich fast vergessen hatte und die mir in der Münchner Galerie vor einem Gemälde des Giulio Romano einmal an einem trüben Novembermorgen wieder lebendig wurde, bot sich mir als Anlehnungspunkt dar."

Das Münchner Programmheft zeigt 27 Judith-Darstellungen in der Malerei, vom 14. Jahrhundert bis heute. Wie Hebbel versucht sich Steckel mit Hilfe der alten Bilder an Judith zu erinnern. Von Joachim Herzog in orientalische Gewänder gehüllt, ist Steckels Judith fast nur in malerischen Posen zu sehen. Mit ihren Madonnenauftritten, den verschleierten Blicken und allen erdenklichen gestischen Manierismen scheint sie gerade eben dem kunsthistorischen Museum entsprungen. Ihre summenden Klagelaute, das Entsetzensgekreische und ihre Freudenschreie stammen aus einer anderen Theaterepoche. Man könnte damit einen abendfüllenden Zeichentrickfilm synchronisieren.

Steckel hat versucht, sich durch eine Expedition in die Kunst- und Theatergeschichte bis zur Judith’-Tragödie vorzuarbeiten, über alte Bilder und vergangenen Theaterdonner die großen Gefühle wiederzufinden. Auf einmal waren Hebbels Befürchtungen, die er vor 144 Jahren in sein Tagebuch schrieb, aktuell: "... wird das Publicum nicht lachen? Und hat es nicht Recht, zu lachen? ... das Theatralische macht mir große Sorgen."

Am Anfang des Abends ist die Bühne nur ein schwarzer Schlund. An der Rampe und in den Proszeniumslogen erscheinen finstere Krieger in voller Rüstung. In der Mitte Holofernes (Thomas Holtzmann), ein martialischer Schurke, wie er in Hollywoods Antikenspektakeln auftritt. Er läßt sich kurz über Bethulien informieren und verschwindet wieder. Nur dieses Vorspiel ist vom ersten Akt geblieben.