Die französischen Kommunisten sind in der Zwickmühle: Ihnen gehört nicht mehr die Straße, in der Regierung bleiben sie fast ohne Einfluß.

Von Roger de Weck

Paris, im Mai

Die Fassade ist aus kugelsicherem Glas. Der Eingang zum Hauptquartier der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) bleibt unsichtbar, ein Gitter hält die Passanten fern. Vor dem sechsstöckigen Bauwerk ragt aus dem saftigen Grün des Rasens mächtig eine graue Kuppel, als strebe das Gewölbe einer unterirdischen Kathedrale ans Tageslicht. Eine abfallende Rampe führt an diesem mysteriösen Hindernis vorbei zur massiven Pforte hinunter: Die fast menschenleere Eingangshalle gleicht einem weiträumigen Unterstand – selbst die Loge der muskulösen Portiers ist aus blankem Beton. Auf einem Betonsockel liegt die Humanité aus, das Zentralorgan der KPF, die in ihrem Schriftzug Hammer und Sichel führt.

André Lajoinie hat noch nicht die Parteizeitung gelesen. Unberührt ruht sie neben dem stramm konservativen Figaro auf dem Schreibtisch des ZK-Sekretärs und Vorsitzenden der kommunistischen Fraktion in der Nationalversammlung. Lajoinie gilt als aussichtsreicher Anwärter auf die Nachfolge des angeschlagenen Generalsekretärs Georges. Marchais.

Der KPF ist André Lajoinie schön 1948 beigetreten. Aus dem damals 19jährigen Bauern ist ein ebenso populärer wie linientreuer Parteimann geworden. Geblieben ist sein provenzalischer Akzent, der selbst drögen Kommuniquesätzen eine charmante Note verleiht. Dabei erhellt ein maliziöses Lächeln sein Gesicht. Der Mann fühlt sich wohl in den engen vier Wänden seines Büros.

Ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank – der spartanisch eingerichtete Raum ist vier Schritte lang, drei Schritte breit. Die Wand schmückt eine schon etwas vergilbte Landkarte Frankreichs; fast im Zentrum ist das Departement de l’Allier .eingezeichnet, hier befindet sich Lajoinies Wahlkreis. Während seine Fraktion bei den vorigen Parlamentswahlen auf 43 Abgeordnete rundweg halbiert wurde, erzielte André Lajoinie in seinen ländlichen Gefilden ein hervorragendes Ergebnis: 57,1 Prozent der Leute wählten ihn, den Herausgeber des kommunistischen Bauernblattes La Terre.