Von Gunter Hofmann

28. April

Es wird ernst für die Grünen auf dem Weg zur Parlamentarisierung. Im Fraktionssaal im Erdgeschoß des Hochhauses am Tulpenfeld bereiten sie sich auf ihre "erste große Redeschlacht" vor, wie Antje Vollmer die Debatte zur Regierungserklärung nennt. Ein schwieriges Unterfangen; für die 28 grünen Abgeordneten ist das Parlament noch etwas Unvertrautes. Sie haben das Gefühl, sich die Bonner Politikwelt ganz neu erschließen, wenn nicht schaffen zu müssen. Aber sie sind sich auch sicher, für dieses erstarrte Bonn etwas ganz Neues zu sein.

Wer spricht? Was soll man sagen? Wo liegen die Schwerpunkte? Alles, was in 34 Jahren in Bonn gewachsen ist, wird noch einmal grundsätzlich in Frage gestellt. Jede Alltagsfrage wird zur Prinzipienfrage: Das Dilemma zwischen Basisdemokratie und Repräsentativsystem; zwischen imperativem Mandat hier und der festen Absicht da, Individualität und Spontaneität zu entfalten.

Eine gewisse Rangordnung hat sich, wie rasch zu spüren, ist, schon eingependelt. Petra Kelly, Otto Schily und Marie-Luise Beck-Oberdorf bilden das Trio an der Spitze, in dieser Mischung ziemlich repräsentativ: Petra Kelly hält Fundamentalopposition für das eigentliche Lebenselexier der Grünen, Otto Schily möchte das Parlament ernster nehmen als die alteingesessenen Parlamentarier. Und Marie-Luise Beck-Oberdorf, mit ausgleichendem Temperament gewappnet, hat von beidem etwas. Daneben schließlich der Fraktionsgeschäftsführer Joschka Fischer, der auf nervös-intelligente Weise Ordnung in das Gewimmel zu bringen versucht, das er kürzlich noch einen "Psychokrieg aller gegen alle" genannt hat.

Nach den herkömmlichen Parlamentsbräuchen wäre Otto Schily prädestiniert, in der Stunde Null der Grünen in Bonn die alternative Wende, die neue Botschaft auf den Begriff zu bringen. Schily erweist sich als souveräner Kopf; er weiß, wovon er spricht, läßt das allerdings die anderen auch spüren. Nachdem ihn die Süddeutsche Zeitung am Vortag noch einmal als den Geeignetsten für die Debatte beschrieben hat, sitzt er jetzt zwischen den Feuern. Wo jeder nur "ich" sein soll, wo die Prominenten nicht mehr gelten sollen als die Unbekannten, wo der Stellvertreter-Politik abgeschworen wird, gerät Profil leicht zum Manko.

Er habe, verteidigt sich Schily, doch auch immer Petra Kelly in Schutz genommen, "wenn die Presse sie besonders herausgestellt "hat". Sie sei doch "ein Wert für uns". Und er nehme auch für sich in Anspruch "ein eigenes Profil zu haben". "Otto Schily bleibt Otto Schily", plädiert der Anwalt erregt in eigener Sache. Die Arbeit für die Grünen habe ihn viel Nerven gekostet.