Annehmbar "In der weißen Stadt" von Alain Tanner. "Es geht mir gut. Ich bin frei. Ich tue nichts, Ich bin nicht in den Ferien. In den Ferien organisiert man seine Freiheit": Ein Mann hat sich aus seinem ordentlichen Leben entfernt, streift ziellos durch eine fremde Stadt (Lissabon), verliebt sich in eine spröde Kellnerin, beobachtet seinen sachten Müßiggang mit einer Super-Acht-Kamera, schreibt Briefe an die Freundin in der Schweiz. Aber mit der kleinen portugiesischen Freiheit kommt Paul (Bruno Ganz) am Ende so wenig zurecht wie zuvor mit der geregelten Existenz als Schiffsingenieur. Sein Mädchen verschwindet nach Frankreich, er fährt in die Schweiz zurück. Alain Tanner hat seinen achten (und mit Abstand schwächsten) Film mit den kostbarsten Mitteln des Kinos der Empfindsamkeit ausgestattet. Den Bildern der Einsamkeit und des Stillstands scheint er indessen nicht zu trauen. So läßt er seinen melancholischen Helden alles noch einmal aussprechen, was man längst gesehen hat. Mit schiefem Grinsen und einer Virtuosität, die mir bisweilen verdächtig ist, kämpft Bruno Ganz um seine schwierige Rolle: halb ein lakonischer Abenteurer, halb ein larmoyanter "Aussteiger". Die Totalen des portugiesischen Kameramanns Acacio de Almeida machen immerhin Lust auf einen Besuch in Lissabon.

Hans-Christoph Blumenberg

Verrückt

"Küß mich, Doc!" von Gary Marshall heißt im Original "Young Doctors in Love" und ist für das Mediziner-Melodram, was "Airplane! – Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" für den Katastrophenfilm war: der satirische Todesstoß auf ein einstmals populäres Genre. Populär waren sie vor zwanzig Jahren: die Hospital-Seifenopern des Fernsehens ("Dr. Kildare") und des Kinos ("The Young Doctors – Chefarzt Dr. Pearson", "The New Interns – Assistenzärzte"). Absurditäten und Albernheiten, Kalauer und Klamauk hat TV-Veteran Gary Marshall in seinem Spielfilmdebüt zu einem verrückten Krankenhaus-Ulk zusammengemixt, den man als anspruchslose Lachtherapie genießen kann – sofern man nicht sofort von den derben Klamotteneffekten anästhesiert worden ist.

Helmut W. Banz

Enttäuschend

"Sophies Entscheidung" von Alan J. Pakula. Das "Buch zum Film" – William Styrons großen Roman "Sophie’s Choice" – darf man nicht gelesen haben. Denn aus der epischen Vielfalt der Konflikte, Gefährdungen, Verletzungen, Geheimnisse, aus dem Reichtum der Farben, Gerüche und Geräusche wird in Pakulas Hollywood-Version eine schlichte Nacherzählung ohne atmosphärische Valeurs. Die bizarre Verstrickung zwischen Stingo (Peter MacNicol), dem jungen Schriftsteller aus dem Süden, der schönen Polin Sophie (Meryl Streep), die Auschwitz überlebt hat, und ihrem vom Wahnsinn bedrohten Geliebten Nathan (Kevin Kline) gerät zum gepflegten Melodram mit Rückblenden im "Holocaust"-Stil. Jenen letzten Sommer einer Leidenschaft, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Brooklyn, reduziert Pakula auf ein zaghaftes Kammerspiel. Völlig verunglückt sind die Sequenzen aus dem Vernichtungslager. Gerade Pakula, dessen "Trilogie der Paranoia" ("Kute", "Zeuge einer Verschwörung", "Die Unbestechlichen") zu den Höhepunkten des amerikanischen Kinos der siebziger Jahre gehörte, müßte eigentlich wissen, wie untauglich naturalistische Mittel zur Darstellung des absoluten Grauens sind. Meryl Streep (die für ihre Rolle jüngst einen Oscar erhielt) ist in der Tat sensationell gut: als Frau, die um eine Balance ringt, die sie längst verloren hat.