Von Dieter E. Zimmer

Immer diese Königsdramen selbst in den bescheidensten Firmen. Lange genug hatte die niederländische Burgers-Gruppe darunter zu leiden, daß der ehrgeizige Yeroen keine Ruhe gab, bis er die Spitzenposition erreicht hatte. Dann hätte Frieden einziehen können, hätte nicht der Ehrgeiz des zweiten Mannes im Aufsichtsrat, Luit, schon bald für weitere Unruhe gesorgt. Er widersetzte sich Yeroens Anweisungen immer offener, stichelte immer dreister und brach schließlich einige dramatische Auseinandersetzungen vom Zaun, bei denen Yeroen tatsächlich eine immer schlechtere Figur machte. An diese sehr lautstarken Sitzungen, die schließlich mit Yeroens Absetzung endeten, dachte die ganze Belegschaft noch lange mit Schaudern zurück.

Doch Luit hatte bei seinem Poker die Karrieresucht eines dritten Mannes völlig übersehen: des jungen Nikkie, der sich geschickt die Unterstützung des entmachteten Yeroen zu sichern wußte und Luit so in kurzer Zeit ganz aus dem Führungsgremium verdrängte. Nikkie sollte die Spitzenposition zwar lange und unangefochten bekleiden. Aber jeder wußte, daß seine Macht eine geliehene war. Die wahre Schlüsselstellung hatte weiter der alte abgehalfterte Yeroen inne – er mußte Nikkie nur immer wieder zu verstehen geben, daß er ohne ihn gar nichts wäre. Anscheinend der erste Mann, ist Nikkie in Wahrheit nur Yeroens Werkzeug. Der überlegene Stratege hat sich die Macht gesichert, gerade indem er deren unbequemeren Obliegenheiten kampflos an Nickie abtrat.

Yeroen, Luit und Nikkie sind Schimpansen. Die Firma ist eine Schimpansenkolonie. Sie befindet sich im Burgers-Tierpark am Stadtrand von Arnheim. Gefangene erwachsene Schimpansen gelten als so unverträglich und aggressiv, daß Zoos sie normalerweise nur in Käfigen halten. Anton van Hooff, Direktor des Burgers-Zoos und Bruder des Utrechter Primatenforschers Jan van Hooff, der lieber wenige Tierarten unter möglichst natürlichen Bedingungen hält als möglichst alle nur irgendwie, riskierte einen Versuch. Er gab einer größeren Gruppe von Schimpansen ein fast ein Hektar großes Gelände – Wiesen, Eichen, ein Wassergraben ringsherum. Dort lebt die Kolonie, die inzwischen 26 Tiere jeden Alters zählt und damit eine natürliche Größe und Zusammensetzung erreicht hat, seit 1971 ein relativ unverfälschtes Leben.

Relativ: Denn in einem weicht ihr Leben immer noch stark von dem in der Wildnis ab. In den tropischen Waldlandschaften Afrikas, die,die Heimat der Schimpansen sind, verbringen sie zwei Drittel ihres Tages damit, einzeln oder in wechselnden kleinen Trupps auf Nahrungssuche zu gehen. Für eine solche Futtersuche ist das Arnheimer Freigelände denn doch viel zu klein. Man kann sie draußen überhaupt nicht füttern: Schon Stunden vor der Verteilung würden sie anfangen, sich erbittert zu streiten. Gefüttert werden sie darum morgens und abends in ihren Schlafzellen, in denen sie auch die Winter und die kalten Regentage verbringen. Es sind sozusagen arbeitslose Tiere – eine Freizeitgesellschaft, bei der mehr Gelegenheit zu sozialen Kontakten besteht als in der Freiheit.

Das Volk redet mit

]Die Tiere, so zeigte sich, harassieren und töten sich keineswegs, wie es Zoo-Schimpansen täten, wenn man sie in solcher Zahl in die Enge der Käfige sperrte. Verhaltensanomalien, die einige Tiere aus der Einzelhaft mitgebracht hatten, schliffen sich mit der Zeit ab. Es wurde eine Gruppe, deren Aggressionsniveau dem natürlicher Gruppen entspricht. So entstand in Arnheim etwas auf der ganzen Welt Einmaliges: Mitten in Europa eine Kolonie nahezu natürlich lebender Schimpansen, von einem hölzernen Beobachtungsstand aus jedem Zoobesucher einsichtig.