Von Harald Scholtz

Die Schilderungen über die Jugend im Dritten Reich werden immer zahlreicher. Das nötigt die Geschichtsschreibung dazu, nicht mehr nur von der "Erziehung" dieser Generation durch Staatsjugendorganisation und Schule auszugehen und auch die Gegenüberstellung von Nazis und deren Gegnern in Frage zu stellen, die noch Arno Klönnes "Jugend im Dritten Reich" bestimmte. Erst wenn man die Vorstellung aufgibt, die Jugend sei nichts als das willenlose Objekt des Regimes gewesen, erst wenn man ihr selber Interessen und Bedürfnisse zugesteht, die zum Wechsel oder zum Lavieren zwischen den Fronten führen konnten, ist eine Annäherung an ihren eigenen Erfahrungshorizont möglich. Denn die Faszination, die von den neuen Massenmedien Rundfunk und Film ausging, mußte nicht zwangsläufig dem NS-Regime gelten; und auch die Nivellierung von Staat und Land war ein Zug der Moderne, der nicht nur den totalitären Vorstellungen und Absichten der Nazis entgegenkam. Unter diesen Prämissen läßt sich die wesentliche Frage neu stellen: Welche Einstellungen und Verhaltensweisen ergeben sich aus dem Heranwachsen in einer sich mehr und mehr anpassenden Gesellschaft?

Darauf läßt sich – endlich einmal wenig beeindruckt vom Machtanspruch der Nazis, ihn eher skeptisch überprüfend – ein:

Karl-Heinz Huber: "Jugend unterm Hakenkreuz"; Ullstein-Verlag Berlin, 1982; 326 S., DM 36,–

Hubers immenser Sammeleifer hat aussagekräftige Quellen zutage gefördert, welche die bis in winzige Details gehende Herrschsucht der Nazis belegen. Sie wird einerseits durch veröffentlichte Anordnungen dokumentiert, andererseits durch interne Berichte, in denen sich der Ärger über die noch immer nicht völlig unter Kontrolle gebrachten "Mißstände" abreagieren konnte. Huber hat aber auch Zeugen der Zeit aufzuspüren gewußt, deren Erinnerungen den farblosen Berichtsstil zur lebendigen Szene werden lassen.

Manchmal übernimmt der Autor selber diese Übersetzungsarbeit und gleitet damit in die Kolportage ab. Stellenweise nimmt auch die assoziative Reihung und die Beliebigkeit der mitgeteilten Fakten und Zitate (die oft nicht zuverlässig wiedergegeben werden) überhand: Da wird ein Zettelkasten geleert. Doch diese Einwände können nicht den Eindruck beeinträchtigen, daß hier die Situation der Jugend im Verlauf der zwölf Jahre in ihrer Vielschichtigkeit, zwar nicht theoretisch kontrolliert, aber zur Auseinandersetzung, zur Stellungnahme herausfordernd geschildert wird. So wird man sich fragen müssen, ob "das angeblich so erschreckend durchdachte und organisierte Nazi-System" tatsächlich nur unter "Aufweichungserscheinungen" litt – oder ob diese nicht auch von ihm selber hervorgebracht wurden, wenn es den "kleinen Rädelsführer" protegierte, dessen Realitätsverleugnung sich im Trotz auch gegen das Regime kehren konnte.

Von derlei Erklärungen und Deutungen hält sich der Begleittext frei, der den Bildern und Dokumenten aus einer sehr erfolgreichen Ausstellung des Bundesarchivs zum Thema "Jugend im NS-Staat" beigegeben wurde: