Von Ute Naumann

Die fünfzehnjährige Ilse Macket stürzt in ihrem dunkelblauen, abgetragenen und nicht ganz sauberen Kleid, mit staubigen, plumpen Stiefeln in den elterlichen Salon. Ilse will ganz schnell eine aufregende Nachricht loswerden: Die Hündin Diana hat gerade Junge bekommen.

Aber die Eltern haben Gäste, und die Mutter (Stiefmutter) bittet das Mädchen "ruhig und bestimmt", sich umzuziehen. Ilse mag nicht, und sie sagt es auch. Sie möchte, verständlich, viel lieber die kleinen Hunde beobachten.

Am Abend kommt der Herr Pfarrer zu einem kurzen Plausch. Frau Macket klagt ihm ihr Leid. "Ilse ist schwer zu erziehen." Der Gottesmann sieht das auch so. "Das Kind muß fort von hier, in ein Pensionat."

Und so geschieht es. Das ungezogene Mädchen wird der für ihre Strenge bekannten Pensionatsvorsteherin, Fräulein Raimar, anvertraut, es wird ein Jahr lang ordentlich zurechtgebogen. Eine brave Ilse kehrt heim. Vor Freude über die gelungene Umerziehung haben die lieben Eltern sich nicht lumpen lassen und das Appartement der Tochter mit zierlichen Biedermeiermöbeln ausgestattet. "Danke", jubelt Ilse, "danke."

Diese gräßliche Geschichte, "Trotzkopf" Band eins, habe ich vor über dreißig Jahren verschlungen. Aber ich fürchte, daß ich sie damals so gräßlich gar nicht fand. Für uns Mädchen war es damals schon in Ordnung, daß so einem wilden, vorlauten, aufmüpfigen Trotzkopf eine gefälligere Form angepaßt wurde. Wenn Ilse sich gegen die Machthaber Eltern auflehnte, dann fanden wir das insgeheim zwar prima, weil es unsere stillen Sehnsüchte ansprach. So motzig und eklig wollten wir auch gern mal sein. Aber daß sich so was für ein Mädchen eigentlich nicht gehört, das war auch klar, das predigten sie uns daheim notfalls täglich. Und ich kann heute auch verstehen, warum meine Freundin die Trotzkopf-Bücher nicht lesen durfte. Sie hatte selber einen, und ihre Mutter sah wohl eine unerwünschte Identifizierung voraus, mit der sie dann wieder den Ärger gehabt hätte.

Daß im Trotzkopf vier dicke Bände hindurch an einem Mädchen- und Frauenbild voller Demut, Dummheit und Unterwürfigkeit gestrichelt wurde, das hat uns damals nicht beschäftigt und auch nicht aufgeregt, "Was kommt’s bei einem Mädchen darauf an!" sagt Trotzkopfs Vater. "Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben kann und das Einmaleins gelernt hat, weiß sie genug", heißt es in Band eins. In Band zwei sagt Bräutigam Leo zur Braut Ilse gleich auf der ersten Seite: "Ich bin Beamter und habe Rücksichten zu nehmen. Das ist nun einmal nicht anders, und da wird sich meine kleine Frau auch fügen müssen." Eine Seite weiter – wiederum Leo: "Ich weiß, ich bekomme ein widerspenstiges Käthchen und kein sanftes Gretchen zur Frau. Aber du weißt doch auch, wie Petrucchio sein Käthchen bezwang, daß sie zuletzt ganz gefügig war und, wenn er es wünschte, die Sonne für den Mond ansah.