Hannover. "Peter Blake – Retrospektive"

Letztes Jahr ist Peter Blake 50 geworden: "Ein gutes Alter für eine Retrospektive." Die Londoner Tate Gallery hat sie ihm ausgerichtet, Carl Haenlein präsentiert sie nun in klug reduzierter Form in der Kestner-Gesellschaft Hannover. Dort scheint sich ein ähnlicher Publikumsrekord anzubahnen wie in London, wo 60 000 Besucher gezählt wurden. Die Gründe für diesen Erfolg liegen auf der Hand: In Blakes Kunst verbinden sich malerische Brillanz und britische Exzentrik, Avantgarde und Akademie, die Embleme der Trivialkultur und die neue Sehnsucht nach Phantasie und Innerlichkeit. Am Anfang die Comics lesenden Kinder, Teddyboys mit Pop-Krawatten; am Ende das efeubekränzte Elfenkind, dem eine dicke Träne über die Backe kullert. 1961 das "Selbstporträt mit Buttons", im Jeans-Look und mit Elvis-Presley-Magazin; zwanzig Jahre später der Maler als gesetzter Herr mit Spazierstock auf einem kalifornischen Boulevard, auf der Straße des Ruhms und der Kunstgeschichte: "Guten Tag, Mr. Hockney", eine Paraphrase des berühmten Courbet-Gemäldes von 1854. Was für ein Weg: vom angry young man der Was Art zum Maler der Postmoderne. Hier wird nun tatsächlich eine Wende sichtbar. Überzeugend belegt die Ausstellung Rang und Rolle dieses Malers. Neben Paolozzi und Hamilton gehörte Blake zu den ersten europäischen Künstlern, die Motive der Trivialkultur und der Massenmedien darstellten – noch vor dem Triumph der amerikanischen Pop Art. Kim Novak, Bo Diddley und die Beatles, Nudina und Zebra Kid, die Catcher und Kino-Idole, Pop-Stars und Stripperinnen: Dies sind die Ikonen eines Fans und einer Epoche, Kunst gewordene Massenbewegung, Bilder, von Realitätspartikeln besetzt wie eine Jacke mit Buttons. Nach Elvis Presley Puck und Titania, nach dem Glamour der Pop-Stars der melancholische Zauber der Feenwelt, nach den Collagen der Großstadtkultur die sanfte Malerei der Countryside und ihrer Mythen. Blakes Rückzug von London aufs Land (1969) und die Gründung der Ruralisten-Bruderschaft erschloß seiner Kunst zwar neue Sujets; aber sie verlor, meine ich, an Vitalität, an intellektueller und ikonographischer Vielschichtigkeit. Was ihre Stärke ausmachte, die Verbindung von Collage und Peinture, ist reduziert auf eine brillante, aber eindimensionale Malerei. Indes zeigen seine "Wortes in progress" und ein so meisterhaftes Bild wie die einsame, schwermütige "Ophelia", daß Blakes Möglichkeiten noch längst nicht erschöpft sind. (Kestner-Gesellschaft, bis zum 12. Juni; als – einzige deutschsprachige Blake-Publikation verdient der Katalog, der 25 Mark kostet, besondere Empfehlung.) Peter Sager

Bremen: "Horst Antes"

Anlaß zu der Antes-Ausstellung in Bremen ist der 80. Geburtstag von Wolf Hermann, der gemeinsam mit seiner Frau Ursula der wohl besessenste Antes-Sammler ist. Über 200 Arbeiten hat das Ehepaar bisher zusammengetragen, die früheste stammt von 1958. Gemälde, farbige Blätter und Zeichnungen aus der Hermann-Sammlung dokumentieren in der Bremer Kunsthalle die Entwicklung des Künstlers und seiner für ihn typischen Figuren. 1971/72 wurde dort schon einmal ein Querschnitt durch Werk und Sammlung gezeigt, heute folgt die Geschichte der "Cephalopoden", 2. Teil. Diese "Kunstfigur", der Kopffüßler, ist inzwischen mehr als zwanzig Jahre alt. Seine Entstehung und allmähliche Veränderung wird in Bremen deutlich, wie in einem elterlichen Photoalbum fehlt kein Jahr, für das nicht die Entwicklung der Figur festgehalten ist, die in Form und Farbe manche Verwandlung durchgemacht hat: vom Embryonalzustand über den "reinen" Kopffüßler der sechziger Jahre zur Reduktion (auf Kopf ohne Beine) und Addition (des Körpers) der siebziger Jahre, von der Farbigkeit über die Monochromie bis hin zum Blau-Weiß-Kontrast Die Figuren der letzten Jahre haben ihre Heiterkeit verloren. Sie sind versteinert, wie der "Kopf vor toskanischer Landschaft" (1978), vom Raum bedrängt, wie der "Etrusker" (1978) oder in ihm alleingelassen, wie die "Stehende Figur mit blauem Schatten" (1981). Die "Hockende verschleierte Figur" (1979) hat etwas Schutzbedürftiges, man denkt an die Antes-Gebrauchsanweisung zur richtigen Behandlung seiner Männchen: "Sie müssen beschmust werden", Wie die – hier nicht gezeigten – Metallplastiken sind auch die gemalten Figuren einsam für sich gestellt. Die "Graue sitzende Figur, Schlange, grüner Löffel, Schwarz" und die "Figur auf Schwarz", beide 1982, werden von ihren Attributen – Löffel, gehörnte Schlange, Sperma – mehr bedrängt als umgeben. Schwarz und Blau sind die vorherrschenden Farben, die bunte Verspieltheit gehört einer anderen Epoche an. Treten die Figuren nach fröhlichbewegter Kindheit und Jugend jetzt in einen düsteren, bedrückenden "Ernst des Lebens"? (Kunsthalle bis zum 5. Juni, Katalog 30 Mark)

Angelika Dombrowski

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Alexej Jawlensky" (Kunsthalle bis 26. 6., Katalog 30 Mark)